Grüne Gentechnik

Mittwoch, 21. April 2010
Offener Brief an Bundesministerin Aigner zum Anbau der Stärkekartoffel Amflora

Liebe Frau Aigner, Gestern ist in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Anbau der Stärkekartoffel Amflora begonnen worden. Es ist gut, dass die verschiedenen Protestaktionen keine Wirkung gezeigt haben, denn sie sind unbegründet.  Die Europäische Kommission hat am 2. März 2010 den Anbau und die Verarbeitung der Stärkekartoffel „Amflora” (EH92-527-1) zu industriellen Zwecken zugelassen. Der Anbau der „Amflora”-Kartoffel ist umweltpolitisch geboten. Die Stärkekartoffel „Amflora” enthält einen sehr hohen Anteil an Amylopektin, der in der Papier- und Textilstoffindustrie sowie bei der Kleb- und Baustoffherstellung genutzten Stärkesorte. Bei den bisher zur Stärkeproduktion angebauten Kartoffeln muss das Amylopektin unter hohem Verbrauch von Energie und Wasser von der Amylose getrennt werden. Bei einer jährlichen Verwertung von fast 3 Millionen t Kartoffeln zur Stärkeproduktion ergeben sich durch die Verwendung der Stärkekartoffel enorme Entlastungen der Umwelt. In der Diskussion werden als Kritik an der Zulassung der Stärkekartoffel Amflora zum Anbau genannt: 1.            das Antibiotikaresistenzmarkergen nptII, 2.            Umweltrisiken. Beide vorgebrachten Kritikpunkte sind ohne Bedeutung. Begründung: Zu 1.: Wie alle Antibiotika-Resistenzgene wurde das nptII-Antibiotika-Resistenzgen aus natürlichen Bakterienstämmen isoliert, die überall im Boden oder im Verdauungstrakt von Mensch und Tier vorkommen. Im Darm von Menschen und Tieren, im Boden, im Wasser leben Milliarden von Bakterien, viele enthalten Resistenzgene. Auch das nptII-Gen ist in der Natur weit verbreitet. Der Anbau von Pflanzen, die dieses Gen enthalten, trägt daher nicht zu seiner Verbreitung bei, denn es ist bereits weit verbreitet. Um einen Vergleich zu wagen: Es ist, als würde man, statt das Frühstücksei zu salzen, Salz in derselben Menge in die Nordsee schütten, die Biologie des Meeres würde dadurch nicht verändert. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung eines solchen Resistenzgenes von einer gentechnisch veränderten (gv) Pflanze auf Bakterien (horizontaler Gentransfer) ist extrem gering und weder im Labor noch in der Natur jemals beobachtet oder nachgewiesen worden. Eine anschließende Weitergabe der Resistenz von einem Bodenbakterium an einen Krankheitserreger ist praktisch ausgeschlossen. Die vom Resistenzgen nptII betroffenen Antibiotika Kanamycin und Neomycin werden selten und vorwiegend äußerlich in der Therapie eingesetzt, da sie erhebliche Nebenwirkungen haben und Gehörschäden sowie Nierenschädigungen hervorrufen können. Kanamycin wird bei der WHO, neben Amikacin und Capreomycin, grundsätzlich als mögliches Reserveantibiotikum zur Bekämpfung der Tuberkulose (TB) angesehen. Da der Erreger der TB (Mycobacterium tuberculosis) jedoch, anders als andere Bakterien, auf natürliche Weise keine fremde DNS aufnehmen kann und ein Gentransfer also praktisch ausgeschlossen ist, ist die Verbreitung von Resistenzgenen in der Natur ohne Bedeutung für die Entwicklung von Resistenzen beim TB-Erreger. Die Tuberkulose ist weltweit gesehen nicht besiegt. Die Anzahl der TB-Fälle in Deutschland liegt nach Angaben des Robert-Koch-Institutes bei etwa 5,5 Fällen je 100.000 Einwohner, nominal bei etwa 4.600 Fällen. Die Quote ist seit Jahren rückläufig. Multiresistente Fälle treten in Deutschland bei Patienten aus der ehemaligen GUS viermal so häufig auf wie bei Menschen, die ursprünglich aus Deutschland stammen. Zu 2.: Es gibt in Deutschland eine 200jährige Anbautradition im Kartoffelanbau. Bereits 1993 wurden die ersten Freisetzungsversuche mit transgenen Kartoffeln durchgeführt. Nach Mais und Raps ist die Kartoffel die Kulturpflanze mit den meisten Freisetzungsversuchen in der EU. Bis Januar 2010 wurden 291 Versuche mit Kartoffeln genehmigt, die meisten in Deutschland (76), den Niederlanden (63) und Großbritannien (41).Im Boden verbliebene Kartoffelknollen verlieren bei -3 Grad Celsius ihre Keimfähigkeit. Die Kartoffel hat in Deutschland keine heimischen Kreuzungspartner. Die Möglichkeit der Auskreuzung besteht daher nicht. Sie ist zudem ein Selbstbefruchter, wird von blütenbestäubenden Insekten selten angeflogen. Forschungen zur biologischen Sicherheit der Amflora wurden z. B. in den Jahren 1998 bis 2001 durchgeführt. In Feldstudien zu unterschiedlichen Selektionsmustern wurde bei den bakteriellen und pilzlichen Gemeinschaften des Bodens und der Rhizosphäre ein weitaus größerer Einfluss von Sorten, Witterung und Bewirtschaftung in den einzelnen Jahren festgestellt, als der Anbau gentechnisch modifizierter Kartoffeln mit veränderter Stärkezusammensetzung verursacht hatte. Bei der Überprüfung der funktionellen Diversität der Pilzgemeinschaft konnten weder im Wurzelraum noch im Boden Unterschiede zwischen transgenen und Wildtyp-Linien detektiert werden. Die Stärke-Kartoffel Amflora zeigt gegenüber den herkömmlichen zur Stärkeproduktion eingesetzten Kartoffeln einen höheren Rohrzucker- und Vitamin C-Gehalt. Der Glykoalkaloid-Gehalt (z.B. Solanin) soll teilweise reduziert sein. Beide Befunde dürften für die Wirkung auf Kartoffeln fressende Wildtiere ohne große Bedeutung sein. Gleichwohl wurde in der Genehmigung durch die Kommission ein weiteres Monitoring der Auswirkungen auf kartoffelfressende Organismen verankert. Bisherige Studien haben keine Verbreitung und Gefährdung von Vögeln durch die Beeren und Knollen transgener Kartoffeln nachweisen können. Es hat sich kein Mutualismus (Wechselbeziehung) zwischen heimischen Vogelarten und der am Ende des 16. Jahrhunderts eingeführten Kartoffel herausgebildet. Angesichts der Kritik wegen angeblich fehlender biologischer Sicherheitsforschung erstaunt, dass gerade Versuche der biologischen Sicherheitsforschung mit Kartoffeln bei gleichzeitiger Fehlinformation der Öffentlichkeit zerstört wurden. Zwei Beispiele: So berichtet das Max-Planck-Institut für Molekulare Biotechnologie in der Pressemitteilung vom 24. 6. 2004 aus Anlass der Zerstörung des Golmer Kartoffel-Freisetzungsversuchs: „Bereits vor der Genehmigung des Freisetzungsversuchs durch das Robert-Koch-Institut wurde mehrfach von Gruppen wie Greenpeace und dem BUND Landesverband Brandenburg den Kartoffelversuch betreffende sachlich falsche Argumente ins Internet gestellt

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