Ernährung

Dienstag, 14. April 2009
Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage "Fortschritte bei der Verminderung von Mykotoxinbelastungen von Lebensund Futtermitteln"

 

Fortschritte bei der Verminderung von Mykotoxinbelastungen von Lebensund Futtermitteln

Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r

Im regelmäßig durchgeführten Lebensmittelmonitoring des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) werden Lebensmittel auf ihren Gehalt an Rückständen aus Pflanzenschutzmitteln sowie an Kontaminationen mit Mykotoxinen untersucht. Unter dem Begriff Mykotoxine werden natürliche sekundäre Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen zusammengefasst. Schimmelpilze sind weltweit verbreitet. Sie befallen Kulturpflanzen auf dem Feld, die Ernte im Lager sowie verarbeitete Lebensmittel. Kontaminationen von Lebensmitteln mit Umweltschadstoffen stehen im Fokus der Öffentlichkeit, Qualitätsminderungen von Nahrungs- und Futtermitteln durch Mykotoxine werden dagegen in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen. Dennoch hat die Minderung der Qualität von Nahrungs- und Futtermitteln durch eine Belastung mit Mykotoxinen für Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine erhebliche Bedeutung. Der wirtschaftliche Schaden durch Mykotoxine wird in den USA auf etwa 5 Mio. US-Dollar pro Jahr geschätzt. Zusätzlich zur Qualitätsminderung der Ernte mindert der Pilzbefall die landwirtschaftlichen Erträge. Das gefährlichste Pilzgift ist das Ergotamin, ein Alkaloid, das der bekannte Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) bildet und das im Mittelalter schwere Vergiftungen verursacht hat. Inzwischen ist es durch technische Maßnahmen der Getreideaufbereitung gelungen, das dunkel gefärbte Mutterkorn vor dem Vermahlen von Roggen und Weizen zu Mehl zu entfernen. Noch heute von Bedeutung für die Qualität von Getreide als Nahrungs- und Futtermittel sind die Fusarientoxine Deoxynivalenol (DON), Zearalenon (ZEA) und Fumosinin B1 (Fum). Die Entfernung von Mykotoxinen aus dem Erntegut, aus Lebens- und Futtermitteln ist nicht möglich. Zur Minderung der Belastung von Lebens- und Futtermitteln durch Mykotoxine bleibt daher nur die Möglichkeit, den Pilzbefall zu bekämpfen. Mykotoxine haben ein erhebliches Gefahrenpotential, sie wirken bereits in kleinsten Mengen gesundheitsschädlich (kanzerogen, östrogen, teratogen). Sie sind chemisch sehr stabil, widerstehen hohen Temperaturen und UV-Strahlung und werden durch Kochen nicht zerstört. Der Vermeidung der Mykotoxinbelastung wird weltweit eine hohe Aufmerksamkeit geschenkt wie die internationale Konferenz „The World Mycotoxin Forum“, die fünfte Konferenz in den Niederlanden, zeigte. Sie hat sich im November des vergangenen Jahres in zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen mit Mykotoxinen in der Nahrungs- und Futtermittelkette, dem Pflanzenschutz und der Züchtung resistenter Sorten befasst. Über drei Wege gelangen Mykotoxine in unsere Nahrungsmittel. Beim Erstbefall (Primärkontamination) werden Kulturpflanzen auf dem Feld von Schimmelpilzen wie z. B. Fusarium befallen, die Mykotoxine an die Pflanze abgeben oder Getreide wird durch unsachgemäße Lagerung der Ernte von Aspergillus oder Penicillium Pilzen befallen. Die Sekundärkontamination setzt ein, wenn fertige Lebensmittel unter Mykotoxinausbildung verschimmeln. Lebensmittel tierischer Herkunft wie Milch und Käse können kontaminiert werden, wenn Tiere mit Mykotoxinen belastetes Futter fressen (Carry over). Die Belastung der Nahrungs- und Futtermittel mit Mykotoxinen konnte in den letzten Jahrzehnten durch den Einsatz spezifisch wirkender Pflanzenschutzmittel deutlich gemindert werden. Die Verbesserung der Anbauverfahren zur Vermeidung von Pilzbefall hat ebenfalls zur Steigerung der Qualität von Lebensund Futtermitteln beigetragen. Die Mykotoxinbelastung von Bt-Mais (Bt – Bacillus thuringiensis) (Deoxinivalenol (DON), ZEA, FUM) ist im Schnitt erheblich geringer als die von herkömmlich gezüchtetem Mais, da der Sekundärbefall des Mais mit Schimmelpilzen unterbleibt, die die Fraßstellen der Raupen als Eintrittspforten nutzen. Der Anbau von Bt-Mais in den Befallsgebieten des Maiszünslers wie dem Oderbruch, wo in einigen Landkreisen die Befallsraten zwischen 60 und 80 Prozent liegen, mindert die Mykotoxinbelastung von Mais und verbessert die Qualität der Maissilage und damit auch die Qualität von Milch und Fleisch der mit dem Mais gefütterten Tiere. Nach Schätzungen des Julius Kühn Instituts sind messbare Konzentrationen an Mykotoxinen in etwa 20 Prozent der Getreideernte der EU enthalten. Die FAO schätzt, dass 25 Prozent der Welt-Nahrungsproduktion Mykotoxine enthalten. Insbesondere in den armen Ländern Afrikas und Asiens wird dadurch die Qualität der Nahrungsmittel stark beeinträchtigt. Die Kontamination mit Mykotoxinen ist dort neben Hepatitis-Infektionen verantwortlich für die stark erhöhte Leberkrebsrate. Mais, ölhaltige Samen und Nüsse wie z. B. Pistazien aus tropischen und subtropischen Gebieten enthalten oft Aflatoxine, ein Mykotoxin, das der Pilz Aspergillus flavus bildet und kanzerogen wirkt. Der Befall der Pflanzen mit Pilzen ist stark abhängig vonWitterungseinflüssen. Die Vermehrung der Pilze, ihr Überdauern nach der Ernte und der Neubefall der Kulturen werden durch verschiedene Standortfaktoren bestimmt und können in begrenztem Umfang durch pflanzenbauliche Maßnahmen gemindert werden. Durch die Novellierung der Pflanzenschutzmittelgesetzgebung der EU wurden verschiedene Wirkstoffe zur Bekämpfung von Pilzen verboten, die Minderung des Gehalts an Mykotoxinen in Nahrungsmitteln ist dadurch in Zukunft erschwert. Im Ökolandbau wird der Pilzbefall insbesondere durch Kupferpräparate bekämpft, deren Einsatz aufgrund der Gefahr der Schwermetallanreicherung im Boden jedoch eng begrenzt werden muss. Die hohe Giftwirkung einiger Mykotoxine erfordert eine konsequente Bekämpfung des Pilzbefalls durch pflanzenbauliche Maßnahmen sowie durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, den Anbau von Bt-Mais in den Befallsgebieten des Maiszünslers. Eine regelmäßige Kontrolle von Nahrungs- und Futtermitteln ist dringend erforderlich. Die Verordnung (EG) 1881/2006 legt für verschiedene Mykotoxine Grenzwerte fest.

 

1. In welchem Umfang wurden in den letzten fünf Jahren beim Lebensmittelmonitoring Mykotoxine in Lebensmitteln gefunden, welche Lebensmittel waren in welchen Jahren betroffen, welche Mykotoxine wurden gefunden, in welchem Umfang wurden die Grenzwerte der EU bzw. die deutschen Höchstmengenwerte überschritten?

Im Zeitraum von 2003 bis 2007 wurden im Rahmen des Lebensmittelmonitorings in Deutschland insgesamt 12 466 Proben hinsichtlich ihrer Gehalte an verschiedenen Mykotoxinen untersucht (Ergebnis siehe Anlage). Die Datenerhebung für das Jahr 2008 wird zurzeit durchgeführt.

2. Welcher Anteil der deutschen, beziehungsweise der europäischen Getreideernte waren nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren mit Mykotoxinen kontaminiert, welcher Anteil konnte nicht als Nahrungsoder Futtermittel genutzt werden?

Schimmelpilze sind überall verbreitet. Deshalb können die Mykotoxingehalte in weiten Bereichen schwanken. Die festgestellten Mittelwerte liegen unterhalb der aus Risikobetrachtungen folgenden Schwellen. Die Besondere Ernteermittlung (BEE), die das Max Rubner-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (MRI) jährlich im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) durchführt, gibt keine Hinweise auf bedenkliche Kontaminationen. Die analytischen Befunde lassen es allerdings nicht zu, einen etwaigen Anteil der Gesamternte zu quantifizieren. Der Bundesregierung liegen keine Informationen darüber vor, ob und in welcher Menge Nahrungs- oder Futtermittel nicht genutzt werden konnten.

3. Wie hoch waren die finanziellen Verluste für die Landwirtschaft durch Pilzbefall auf dem Feld sowie durch Kontaminationen der Erntegüter mit Mykotoxinen, die deren Ausschluss als Futtermittel bewirkten?

Der Bundesregierung liegen hierzu keine Informationen vor.

4. In welchem Umfang wurden bei Lebens- und Futtermittelimporten Kontaminationen mit Mykotoxinen gefunden, welche Lebens- und Futtermittel, aus welchen Ländern waren besonders betroffen, welche Mykotoxine wurden gefunden?

In den Jahren 2004 bis 2008 wurden im Europäischen Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel insgesamt 4 409 Meldungen zu Produkten mit Mykotoxinkontaminationen registriert, davon 38 Meldungen zu Futtermitteln. Dabei handelte es sich zum weitaus größten Teil um Informationen, weil für viele Produkte Vorführpflichten und Einfuhrbeschränkungen bestehen. Betroffene Produkte sind vor allem Erdnüsse, Nüsse, Schalen- und Trockenfrüchte sowie deren Verabeitungserzeugnisse. Insbesondere bei Erdnüssen (plus 98 Prozent) und Feigen (plus 34 Prozent) ist ein starker Anstieg der Schnellwarnmeldungen im Jahr 2008 gegenüber dem Vorjahrzu beobachten. Bei Futtermitteln sind hauptsächlich Sonnenblumenkerne, Futtermais und Heimtierfutter betroffen. Zu den häufig genannten Herkunftsländern kontaminierter Lebensmittel gehören der Iran (Pistazien), die Türkei (v. a. Feigen und Haselnüsse), China (v. a. Erdnüsse) und die Vereinigten Staaten (v. a. Pistazien und Mandeln). Mehr als 90 Prozent aller Schnellwarnmeldungen über Mykotoxine entfallen auf den Nachweis überhöhter Aflatoxingehalte. Der Nachweis von Ochratoxin A und Fusarientoxinen ist eher rückläufig.

5. Wie bewertet die Bundesregierung Überlegungen in der EU, den zulässigen Höchstgehalt an Aflatoxinen in Haselnüssen, Mandeln und Pistazien zu verdoppeln?

Die Bundesregierung ist stets bemüht, das gesundheitliche Risiko von Verbraucherinnen und Verbrauchern so niedrig wie möglich zu halten. In den für die Le- bensmittelsicherheit zuständigen EU-Gremien wird derzeit die Umsetzung der Beschlüsse der Codex Alimentarius Kommission bezüglich der Höchstgehalte und der Probennahme für Aflatoxine bei Haselnüssen, Mandeln und Pistazien beraten. Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass die derzeit in der EU bestehenden Höchstgehalte für Aflatoxin B1 zusätzlich zu den im Codex beschlossenen Höchstgehalten für Gesamtaflatoxine bestehen bleiben und beabsichtigt, einer evtl. Erhöhung nur zuzustimmen, wenn diese unter Berücksichtigung einer Risikobewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vertretbar sind.

6. Welche Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigen sich mit der Analytik der Mykotoxine, der Entwicklung von Anbautechniken zur Vermeidung von Pilzbefall bei landwirtschaftlichen Kulturpflanzen, und welche speziellen von der Bundesregierung geförderten Projekte gibt es?

Die Prävention und Minimierung der Belastung von Futter- und Lebensmitteln mit Mykotoxinen ist ein wichtiges Ziel der Bundesregierung. Sie ist fest verankert im Forschungsplan des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Zahlreiche Projekte und Institutionen werden mit dieser Zielsetzung gefördert. Das Julius Kühn-Institut – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI) befasst sich mit der Analytik von Mykotoxinen sowie der Entwicklung von Verfahren und Strategien zur Vermeidung des Pilzbefalls und der Mykotoxinbildung an Pflanzen und gelagerten Vorräten pflanzlicher Herkunft. Das Max Rubner-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (MRI) ist mit Fragen der Mykotoxine im Brotgetreide sowie in Fleisch, Milch und anderen Lebensmitteln befasst. Beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wurde das Nationale Referenzlaboratorium für Mykotoxine in Lebens- und Futtermitteln errichtet. Es koordiniert die Tätigkeit der amtlichen Laboratorien und führt insbesondere Arbeiten zur Methodenentwicklung und -validierung sowie Laborvergleichsuntersuchungen durch. In der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Projektträger Agrarforschung, werden im Auftrag des BMELV Forschungsprojekte im Bereich Mykotoxine betreut. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf diesem Gebiet werden in Deutschland insbesondere durch die Gesellschaft für Mykotoxinforschung koordiniert, die vor zehn Jahren gegründet wurde und aus den auf Initiative des BMELV seit mehr als 30 Jahren stattfindenden Mykotoxin-Workshops hervorgegangen ist.

7. In welcher Weise fördert die Bundesregierung die Forschung nach neuen pflanzenbaulichen Methoden sowie Pflanzenschutzmitteln zur Pilzbekämpfung zum Schutz von Lebens- und Futtermitteln vor Mykotoxinbelastung?

Pflanzenbauliche Methoden, Züchtungsforschung und Pflanzenschutzverfahren zur Pilzbekämpfung gehören zum Aufgabenspektrum des Julius Kühn-Instituts- Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI). Neben der institutionellen Förderung des Bundes können Vorhaben im Rahmen der allgemeinen Forschungsförderung vorangebracht werden.

8. In welchem Umfang werden Finanzmittel für die Mykotoxinforschung und die Bekämpfung von Pilzbefall zur Verhinderung primärer und sekundärer Kontaminationen sowie des Carry over von der Bundesregierung bereitgestellt?

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) finanziert derzeit über seinen Projektträger Agrarforschung zu dieser Fragestellung laufende Forschungsvorhaben im Umfang von rund 500 000 Euro. Daneben wird Mykotoxinforschung, Forschung zur Bekämpfung und Verhinderung primärer und sekundärer Kontaminationen sowie des Carry over in erheblichem Umfang (mehr als 40 Vorhaben) in den vom BMELV finanzierten Ressortforschungseinrichtungen durchgeführt. Das Julius Kühn-Institut – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI) und das Max Rubner-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (MRI) sind im genannten Bereich besonders aktiv, aber auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Friedrich Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) und das Johann Heinrich von Thünen-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei (VTI) tragen mit Forschungsvorhaben bei, die sie aus ihrem jeweiligen Grundhaushalt finanzieren.

9. Wie bewertet die Bundesregierung das Gefährdungspotential für die Gesundheit von Mensch und Tier durch Lebens- und Futtermittel, die mit Mykotoxinen kontaminiert sind?

Die toxische Wirkung der bisher mehr als 450 bekannten Mykotoxine ist unterschiedlich. Sie kann, abhängig von der Substanz akut und chronisch sein. Sie kann direkt erfolgen oder erst nach Umbau der Ausgangssubstanz im Körper. Zu den Hauptzielorganen bei Mensch und Tier zählen Leber, Niere und Magen. Auftreten können Schädigungen des zentralen Nervensystems, Haut- und Schleimhautschäden sowie Beeinträchtigungen des Immunsystems. Als Spätfolgen einer chronischen Aufnahme von einigen Mykotoxinen sind kanzerogene, mutagene und teratogene Wirkungen zu erwarten. Die zulässigen Höchstgehalte für Mykotoxine in bestimmten Lebensmitteln sind EU-weit in der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 geregelt. Weitere Lebensmittel sind in der nationalen Mykotoxin-Höchstmengen-Verordnung geregelt. Gemäß der Richtlinie 2002/32/EG sind für Mykotoxine in Futtermitteln zulässige Höchstgehalte für Aflatoxin B1 und Mutterkorn festgelegt. Ferner gelten EU-weit Richtwerte für Desoxynivalenol (DON), Zearalenon (ZEA), Ochratoxin A (OTA) und Fumonisine gemäß der Empfehlung 2006/576/EGder Kommission, die sich an der Sensibilität der verschiedenen Tierarten gegenüber diesen Mykotoxinen orientieren und den Schutz der Tiergesundheit gewährleisten. Lebensmittel und Futtermittel werden beim Import an den EU-Außengrenzen und in Deutschland im Rahmen der risikoorientierten Überwachung auf den Gehalt an Mykotoxinen untersucht.

10. Können inzwischen Belastungen von Getreideprodukten durch den Mutterkornpilz ausgeschlossen werden, und wenn nein, welche Maßnahmen zum Ausschluss einer Gefährdung sind weiter erforderlich?

Die für die Lebensmittelüberwachung in Deutschland zuständigen Behörden der Länder wenden den Grenzwert nach der Verordnung (EG) Nr. 824/2000 für Interventionsgetreide von 0,05 Prozent Mutterkorngehalt zur Beurteilung von Speisegetreide an. Belastungen von Getreideprodukten durch den Mutterkornpilz können auch nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft und Technik nicht völlig ausgeschlossen werden. Dies gilt insbesondere für Roggen, der unter den Getreidearten aufgrund seiner sog. Offenblütigkeit vor allem bei feucht-nasserWitterung zur Blütezeit sehr anfällig ist für Infektionen mit dem Mutterkornpilz. Durch die Wahl resistenter Sorten, pflanzenbauliche Maßnahmen und Reinigung des Erntegutes kann der Mutterkorngehalt jedoch wirksam reduziert werden. Eine hohe Bedeutung hat bereits die Wahl weniger anfälliger Sorten. Die Bundesregierung setzt sich deshalb für die Nutzung des pflanzlichen Leistungspotenzials ein, um den Befall mit Schadpilzen von vornherein in Grenzen zu halten. Innerhalb des verfügbaren Genpools von Roggen hat die Züchtungsforschung Resistenzmerkmale identifiziert, die über konventionelle Züchtungsstrategien (z. B. rekurrente Selektion, Hybridzüchtung) mittelfristig zu Roggensorten mit verringerter Anfälligkeit gegenüber Mutterkornbefall führen können. Eine Reihe von acker- und pflanzenbaulichen Maßnahmen sind geeignet, um die Belastung von Getreideprodukten durch Mutterkorn zu vermindern. Hierzu zählen die wendende Bodenbearbeitung, regelmäßiges und zeitiges Mähen von Gräsern alsWirtspflanzen am Feldrand und die Förderung einer homogenen und schnellen Blüte. Dies geschieht insbesondere durch die Wahl von Aussaatterminen und -stärken sowie durch die bedarfsgerechte Versorgung der Bestände mit Nährstoffen. Für Bekämpfungsverfahren im Pflanzenschutz ist die weitere Entwicklung zulässiger Pflanzenschutzmittel für eine gezielte Fungizidanwendung wünschenswert.

11. Wie hat sich in den letzten Jahren der Befall von Getreide mit Fusarien entwickelt, in welchen Bundesländern gibt es Überwachungsprogramme, in welchen Bundesländern gibt es verstärkt Probleme durch Fusarienbefall?

Die Belastung des deutschen Brotgetreides mit Fusarientoxinen wird im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) seit Jahren im Rahmen der Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung (BEE) erfasst. Der für Mähdruschgetreide festgestellte vergangenen Jahren zurückgegangen, die Korrelation des Pilzbefalls mit Toxingehalten ist allerdings derzeit nicht eindeutig geklärt. Monitoringprogramme zur Erfassung der Toxinbelastung gibt es außerdem in einigen Bundesländern, u. a. in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und z. T. in Niedersachsen. Dabei ist zwischen einer Vor-Ernte- und einer Nach- Ernte-Erfassung zu unterscheiden. Bundesländer mit erhöhtem Gefährdungspotenzial waren bislang Gebiete mit hoher Anbaudichte von Mais bei nichtwendender Bodenbearbeitung. Dazu zählen Teile von Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und die Weser-Ems-Region in Niedersachsen.

12. Welche Möglichkeiten zur Bekämpfung von Fusarienbefall stehen zur Verfügung?

Durch pflanzenbauliche Maßnahmen kann dem Befall von Kulturpflanzen mit Fusarien weitgehend vorgebeugt werden. Hierzu zählen der Anbau resistenter Sorten, die Einhaltung einer nachhaltigen Fruchtfolge und eine wendende Bodenbearbeitung mit Beseitigung von Ernterückständen. Diese Maßnahmen sind insbesondere für den ökologischen Landbau von Bedeutung. Eine wirksame direkte Fusariumbekämpfung ist derzeit nahezu ausschließlich über die Wirkstoffgruppe der Azole möglich. Die Anwendung muss zum optimalen Zeitpunkt der Blüte erfolgen, es steht hierfür nur ein Zeitfenster von fünf bis sieben Tagen zur Verfügung. Daher sind Prognosesysteme sehr wichtig. Im ökologischen Landbau, der auf den Einsatz chemisch-synthetischer Fungizide verzichtet, sind die samenbürtigen Krankheitserreger eine ernstzunehmende Gefahr. Zur direkten Bekämpfung kommen nur biologische Präparate und physikalische Verfahren in Frage. Mit dem klassischen Verfahren der Heißwasserbehandlung können die wichtigsten Krankheiten bei dieser Form des Getreideanbaus unter Kontrolle gehalten werden. Im Vorratslager kann die Weiterentwicklung eines Fusariumbefalls und die damit einhergehende Mykotoxinbildung durch trockene Lagerung mit Vermeidung von Wasserzutritt oder Kondensation von Luftfeuchtigkeit an kalten Oberflächen sowie durch das Verhindern einer Befeuchtung über Insektenbefall weitgehend unterbunden werden.

13. Wie hoch ist nach Einschätzung der Bundesregierung im Schnitt der Jahre der Verlust der Landwirtschaft durch den Befall von Getreide mit Fusarien, in welchem Umfang werden Lebens- und Futtermittel durch den Pilzbefall in ihrer Qualität gemindert?

Der Bundesregierung liegen hierzu keine Informationen vor.

14. Welchen Einfluss hat die Fruchtfolge auf das Auftreten von Fusarien und welche Fruchtfolgen können das Gefährdungsrisiko des Befalls mindern?

Die Fruchtfolge hat einen erheblichen Einfluss auf den Fusariumbefall und die Kontamination des Ernteguts mit Mykotoxinen. Es ist bekannt, dass Mais als Vorfrucht ein größeres Fusarien-Übertragungspotenzial hat als andere Feldkulturen. Dabei sind auf der Bodenoberfläche vorhandene Pflanzenreste die wichtigste Infektionsquelle für den Fusariumbefall von Getreide. Das Befallsrisiko kann vermindert werden durch eine vielgliedrige Fruchtfolge und durch Fruchtfolgen, in denen z. B. nach Mais eine Sommerung oderWeizen nicht ohne ausreichende Bodenbearbeitung unmittelbar nach Mais angebaut werden. Auf diese Weise wird das Pilzinkolum ausreichend zersetzt.

15. Inwieweit führt der durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) verstärkte Maisanbau in der Bundesrepublik Deutschland zu einem erhöhten Pilzbefall von Weizen und in der Folge zu einem erhöhten Mykotoxingehalt, wenn Weizen nach Mais angebaut wird?

Eine erhöhte Befallsgefährdung ist bei Getreide vor allem nach mehrjährigem ununterbrochenem Anbau von Mais festzustellen, da sich hierdurch das Pilzinokulum über die Jahre stark erhöhen kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn nach Mais eine pfluglose Bodenbearbeitung erfolgt, bei der ein erheblicher Anteil der organischen Masse an der Bodenoberfläche verbleibt (siehe auch Frage 14).

16. Wie ist nach Einschätzung der Bundesregierung die Bekämpfung des Pilzbefalls mit der einhergehenden Kontamination von Lebensmitteln durch Mykotoxine im Vergleich mit der möglichen Belastung der Lebensmittel durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln zu bewerten?

Die Bekämpfung pilzlicher Pflanzenkrankheiten ist nur mit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln zulässig. Die dabei möglicherweise auftretenden Rückstände sind bereits bei der Zulassungsprüfung bekannt und unterschreiten bei bestimmungsgemäßer Anwendung die gesetzlich festgelegten Rückstandshöchstgehalte. Diese stellen sicher, dass Verbraucher nicht durch Rückstände dieser Pflanzenschutzmittel gesundheitlich beeinträchtigt werden.

17. Wie bewertet die Bundesregierung die in Brüssel beschlossene Novelle der EU-Verordnung zur Zulassung von Pflanzenschutzmitteln im Hinblick auf die Bekämpfung von Pilzbefall während des Anbaus von Getreide und der nachfolgenden Lagerung zur Minderung der Mykotoxinbelastung von Nahrungs- und Futtermitteln?

Die Bundesregierung geht davon aus, dass auch künftig Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung von Fusarienpilzen zur Verfügung stehen werden. Derzeit ist noch nicht absehbar, welche Wirkstoffe dies durch die Einführung der Novelle der EU-Verordnung über die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln sein werden. Sollte die Gruppe der Azol-Wirkstoffe durch die Bestimmungen der Novelle wegfallen, würden keine wirksamen Fungizide zur Fusarienbekämpfung in Getreide zur Verfügung stehen. Auf die Antwort zu Frage 18 wird hingewiesen.

18. Gibt es Fungizide, deren Zulassung auf Grund der Novelle auslaufen wird und die zukünftig nicht mehr zur Verfügung stehen werden, und wenn ja, welche, und welche Auswirkung wird dies auf die Pilzbekämpfung haben?

Derzeit ist nicht absehbar, welche einzelnen Wirkstoffe durch die Novelle der Richtlinie 91/414/EWG wegfallen werden.

19. Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung neue Pflanzenschutzmittel, deren Zulassung beantragt ist, und die die bisher zugelassenen wirkungsvoll ersetzen können, und wenn ja, für welche Kulturen ist eine Zulassung beantragt, und gegen welche Pilze sollen sie wirken?

Derzeit befindet sich ein neues Mittel gegen Ährenfusariose im Zulassungsverfahren. Allerdings sind hier keine anderenWirkstoffe enthalten als in den bereits zugelassenen Produkten.

20. Welche Bedeutung hat die Beizung von Getreide zur Bekämpfung von Pilzbefall?

Die Beizung mit dem Ziel, Saatkorn und Keimling vor pilzlichen Erregern zu schützen, ist nach wie vor notwendig, um Ertrag und Qualität zu sichern. Bei Beachtung der richtigen Aufwandmenge lassen sich samen- und bodenbürtige Krankheitserreger deutlich unterdrücken und die Keimfähigkeiten verbessern. Die Beizung von Gersten- undWeizensaatgut stellt z. B. bei Steinbrand, Zwergsteinbrand, Flugbrand und Streifenkrankheit die einzig wirksame direkte Bekämpfungsmöglichkeit dar.

21. Gibt es Unterschiede hinsichtlich des Auftretens von Mykotoxinbefall zwischen Getreide aus konventionellem in Vergleich zu Getreide aus ökologischem Anbau, und wenn ja, welche Unterschiede wurden beobachtet, und worauf sind sie nach Kenntnis der Bundesregierung zurückzuführen?

Getreide aus ökologischem Anbau ist häufig etwas weniger mit Mykotoxinen belastet als solches aus konventionellem Anbau. Das liegt an bestimmten Besonderheiten der Bestandesführung (z. B. lockere Bestandesdichte, Verzicht auf Halm verkürzende Mittel) und Anbaubesonderheiten. Eine besondere Rolle spielt auch der geringere Anbauumfang von Mais. Die dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vorliegenden Daten zu bestimmten Mykotoxinen zeigen in den statistischen Kennzahlen jedoch keine unterschiedlichen Gehalte beim Vergleich der beiden Anbauverfahren.

22. In welchem Umfang werden Mykotoxinkontaminationen bei Lagerkartoffeln festgestellt, welches sind die Ursachen, und durch welche Verfahren lassen sich solche Kontaminationen vermeiden?

Erkenntnisse, die über das beschriebene Monitoring hinausgehen, liegen nicht vor. Entscheidend für eine Eindämmung des Fusariumbefalls bei der Lagerung sind gesunde und unversehrte Knollen. Dies kann durch gutes Ausreifen, eine schonende Ernte, geringe Fallhöhen bei Transport und Einlagerung erreicht werden. Wichtig sind außerdem die ausreichende Bekämpfung von Braunfäule, um eine Sekundärinfektion mit Fusarien zu reduzieren, gute Lagerhygiene, optimale Temperaturführung und eine effiziente Sortierung vor der Verpackung.

23. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, die Kontamination von Erntegut mit Mykotoxinen während der Lagerung zu vermeiden, und wie erfolgsversprechend sind diese Möglichkeiten?

Ist Erntegut bereits vor der Einlagerung mit Mykotoxinen kontaminiert, kann diese Belastung durch herkömmliche Verfahren nicht reduziert werden. Allerdings kann durch eine sachgerechte Lagerung eine Zunahme der Kontamination vermieden werden. Dies beinhaltet eine Windsichtung und Reinigung vor der Einlagerung, die Trocknung des Erntegutes auf unter 14 Prozent Wassergehalt, die Kühlung des Erntegutes nach der Einlagerung auf 15 bis 17 ¢ªC sowie eine regelmäßige Lagerkontrolle mit Temperaturmessungen. Bezüglich Kartoffeln wird auf die Antwort zu Frage 22 hingewiesen. Das Julius Kühn-Institut (JKI) hat im Jahr 2008 an einer Leitlinie des Europarates für die Risikobewertung, die Vorbeugung und das Management gesundheitlicher Risiken und Gefahren, die mit Schadorganismen im Vorratsschutz verbunden sind, mitgearbeitet.

24. In welchem Umfang verursachen Sekundärkontaminationen von Lebensmitteln eine Mykotoxinbelastung von Lebensmitteln?

Die Daten über Mykotoxingehalte bei Lebensmitteln, die von den zuständigen Behörden der Länder an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeldet wurden, erlauben keine Rückschlüsse zum Umfang von Sekundärkontaminationen von Lebensmitteln mit Mykotoxinen.

25. Welche Kulturen im Obst- und Gemüsebau sind in der Bundesrepublik Deutschland in besonderem Maß auf Fungizide zur Pilzbekämpfung angewiesen und stehen für diese nach Einschätzung der Bundesregierung in ausreichendem Umfang Fungizide zur Verfügung, um die durch wiederholte Anwendung gegebene Gefahr der Resistenzbildung zu vermeiden?

Alle wirtschaftlich relevanten Kulturen im Obst- und Gemüsebau benötigen Fungizide zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten, da unterbliebene Pflanzenschutzmaßnahmen zu hohen Ernteverlusten bis zum Totalausfall führen können. Effektive Bekämpfungsverfahren und nachhalt

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