Grüne Gentechnik

Freitag, 16. Januar 2009
Stellungnahme zum BfN-Positionspapier Gentechnik/Welternährung

Das Bundesamt für Naturschutz stellt sich auf seiner Internetseite selbst mit folgenden Worten vor: „Das Bundesamt für Naturschutz ist die zentrale wissenschaftliche Behörde des Bundes für den nationalen und internationalen Naturschutz. Es gehört zum Geschäftsbereich des Bundesumweltministeriums (BMU) und nimmt wichtige Aufgaben im Vollzug des internationalen Artenschutzes, des Meeresnaturschutzes, des Antarktis-Abkommens und des Gentechnikgesetzes wahr.“ Entsprechend der eigenen Selbstdarstellung ist das BfN somit eine wissenschaftliche Behörde mit dem Aufgabenfeld Naturschutz.

Unter dem Deckmantel der Stellungnahme einer Fachbehörde wird mit der Verbreitung des Positionspapiers des Bundesamtes für Naturschutz Lobbyismus im Sinne von Gentechnikgegnern betrieben. Der Einsatz für die Natur bleibt dabei auf der Strecke. Das Ansehen der Fachbehörde wird schwer geschädigt und ihre Glaubwürdigkeit zerstört. Das Positionspapier des BfN unterstellt, eine Ablehnung der Grünen Gentechnik bedeute eine Stärkung des Naturschutzes. Dies ist falsch. Es gibt viele Beispiele, die dies widerlegen: Die Stärkekartoffel Amflora, die Wasser und Energie bei der Herstellung von Stärke spart, Bt-Sorten, deren Anbau naturverträglicher ist als der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln zur Bekämpfung von Schadinsekten.

Die Sicherung der Welternährung gehört nicht zum Aufgabenbereich der Behörde, genauso wie sie nicht zum Aufgabenbereich des zuständigen Ministeriums gehört. Daher ist dort auch nicht die wissenschaftliche Kompetenz vorhanden, die zur Beantwortung einer solchen Frage erforderlich ist. Ob eine Züchtungsmethode zur Sicherung der Welternährung beitragen kann, lässt sich naturschutzfachlich nicht beurteilen. Mit dem vorliegenden Positionspapier bewegt sich die Behörde außerhalb ihres eigenen Kompetenzspektrums. Das Positionspapier ist geprägt von Dilletantismus. Es fehlt völlig die Perzeption von Informationen, die die eigene Ablehnung der Grünen Gentechnik als Züchtungsmethode nicht unterstützen. Es unterbleibt daher auch eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Auseinandersetzung mit solchen Informationen. Das Positionspapier genügt nicht wissenschaftlichen Kriterien. Es scheut sich nicht einmal, die Legende von den angeblich in den Tod getriebenen indischen Baumwollbauern zu nennen, obwohl diese keinen realen Hintergrund hat und inzwischen wissenschaftlich widerlegt ist.

 

Kritikpunkte im Einzelnen:

 

Zu 1 Einleitung

Woher nimmt das Bundesamt für Naturschutz die Erkenntnis, dass in den nächsten Jahren durch markergestützte Züchtungen „mit einer Ausweitung des Sortenspektrums zu rechnen ist?

Zu 2.1 Intensivierung der Landwirtschaft

Es wird kritisiert, dass aus ökologischer Sicht die „Grüne Revolution negative Auswirkungen“ hatte. Da das Thema des Positionspapiers jedoch die Welternährung ist, fehlt die Betrachtung, in welcher Weise die Grüne Revolution dazu beigetragen hat, den Hunger auf der Erde zu mindern. Laut FAO-Hungerreport 2004 ist der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung in den letzen 30 Jahren von 37 Prozent auf 17 Prozent zurückgegangen. Bei einer kontinuierlich wachsenden Weltbevölkerung ist die absolute Anzahl der Hungernden jedoch gleich hoch geblieben, ihr Anteil hat sich gleichwohl deutlich vermindert, die Erde ernährt inzwischen mehr als doppelt so viele Menschen wie vor 30 Jahren.

Der Verlust der innerartlichen genetischen Vielfalt bei Kulturpflanzenarten wird beschrieben, aber die einzige realistische Möglichkeit, diesem Verlust zu begegnen, nämlich die Anlage von Gendatenbanken, wie sie vom Leibnizinstitut in Gatersleben betrieben wird, wird nicht gezogen, sie wird weder im Fazit noch in der Zusammenfassung erwähnt. Warum nicht?

Zu 3.1 Stand der Entwicklung

Anders als angegeben sind inzwischen außer Soja, Mais, Baumwolle und Raps weitere gentechnisch veränderte Kulturpflanzenarten auf dem Markt: Zucchini in den USA und Kanada, Zuckerrüben in den USA, in China werden gv-Pappeln angepflanzt.

Zu 3.2 Ertragssteigerungen

Die Reduzierung der Vorteile gentechnisch verbesserter Pflanzen auf die Steigerung des Ertrags verkennt völlig, dass die Höhe des Ertrags nicht das einzige Kriterium zur Entscheidung für den Anbau einer bestimmten Sorte ist. Schädlingsresistente Sorten leisten einen großen Beitrag zur Sicherung landwirtschaftlicher Erträge. Die Steigerung der Anbaufläche seit 1996 auf inzwischen 114 Mio. Hektar Fläche weltweit zeigt, dass die Zahl der Landwirte, die im Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen Vorteile erkennen, kontinuierlich gestiegen ist. Die Beispiele für wirtschaftlich nachteilige Folgen des Anbaus von gentechnisch verbesserten Pflanzen sind offensichtlich Einzelbeispiele und nicht repräsentativ.

Zu 3.3.1 Pestizideinsatz

70% der hungernden Menschen leben auf dem Land. Zur Bekämpfung des Hungers muss die Armut auf dem Land bekämpft werden. Erwerbsmöglichkeiten im ländlichen Raum mindern daher den Hunger, auch wenn Landwirte keine Nahrungsmittelpflanzen anbauen. Die Beschränkung der Betrachtung auf Bt-Mais verkennt, dass in den Baumwolle produzierenden Ländern die Landwirte mit der Produktion von Baumwolle Einkommen zur Ernährung ihrer Familien erwirtschaften. In Indien erfolgen 45% des Pflanzenschutzmitteleinsatzes im Baumwollanbau. Nach Berichten aus Indien wird dort durch den Einsatz von Bt-Baumwolle eine Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes um 32 % erreicht und gleichzeitig eine Erhöhung des Gewinns um 52 % (Gewichteter Durchschnitt verschiedener peer reviewed studies).

In Deutschland breitet sich der Maiszünsler weiter aus. 2005 waren 22% der Maisanbaufläche befallen. In 2006 hat die Landwirtschaft nach Auskunft der Bundesregierung auf Grund des Maiszünslerbefalls Schäden von 11 Mio. € gehabt. Aus Brandenburg wird eine steigende Befallshäufigkeit berichtet: 2005 18%, 2006 22%, 2007 23%. Im Umkreis der Anbaustandorte für Bt-Mais werden im Landkreis Märkisch Oderland Befallshäufigkeiten zwischen 60 % und 84 % berichtet. Mit der weiteren Ausbreitung des Maiszünslers und der Ausbreitung des Maiswurzelbohrers wird auch in Deutschland die Bekämpfung dieser Schadinsekten zur Sicherung der Erträge erforderlich. Die Sicherung der Erträge durch den Anbau von Bt-Mais ist naturverträglicher als ihre Bekämpfung mit chemischen Pflanzenschutzmitteln.

Die Minderung des Schadinsektenbefalls durch Fruchtwechsel ist eine sehr gute Methode. In verschiedenen Regionen in Deutschland erfolgt der Maisanbau jedoch auf weit über 50% der Fläche eines Kreises. Ein Fruchtwechsel ist dort nicht möglich. Die Steigerung des Maisanbaus auf 1700 ha in 2008 wurde durch die finanziellen Anreize des EEG verursacht, der zum verstärkten Bau von Biogasanlagen geführt hat.

Nach Aussage von Prof. Peter Michael Schmitz vom Zentrum für Internationale Entwicklungs- und Umweltforschung der Universität Gießen gehen 50% der Ernte durch Schadorganismen im vor- und nachgelagerten Bereich verloren.

Zu 3.3.2 Auskreuzungs- und Invasionsrisiko

Alle Kulturpflanzen kreuzen in unterschiedlichem Umfang entsprechend ihrem Befruchtungsverhalten in die Wildflora aus, sofern nah verwandte Kreuzungspartner vorhanden sind. Dies ist nicht spezifisch für transgene Pflanzen. Es gibt herbizidtolerante transgene wie auch herkömmlich gezüchtete Kulturpflanzen. Die Möglichkeit der Auskreuzung besteht in beiden Fällen.

Mais und Kartoffeln haben in Deutschland keine heimischen Kreuzungspartner.

Die in Deutschland beobachteten invasiven Arten wie die Spätblühende Traubenkirsche, die Herkulesstaude oder die Beifußambrosie sind Wildpflanzen anderer Erdteile. Es sind keine Kulturpflanzen, die über Jahrzehnte züchterisch bearbeitet wurden, die besondere Leistungen, z. B. Samenertrag, erbringen und dafür besondere Wachstumsbedingungen brauchen. Kulturpflanzen brauchen landwirtschaftliche Pflege und sind deshalb nicht invasiv. Obwohl Raps seit Jahrzehnten in Deutschland auf mehreren hunderttausend Hektar Fläche angebaut wird, seine Samen lange überdauern, ist er nicht invasiv.

In Kanada wurde keine Koexistenz zwischen Kulturpflanzen organisiert, die mit unterschiedlichen Züchtungsverfahren gezüchtet wurden. Daher gibt es dort anders als in Europa auch keine Koexistenz. Dies ist politisch so entschieden worden.

In Deutschland wird beispielsweise seit Jahren erfolgreich die Koexistenz zwischen dem Anbau von Doppelnullrapssorten und Erucasäureraps organisiert.

Es ist bisher nicht nachgewiesen, dass aus Kulturpflanzen ausgekreuzte Eigenschaften in Wildpflanzen oder lokale Landrassen auch über mehrere Generationen erhalten bleiben.

Zu 3.3.3 Auswirkungen auf Nichtziel-Organismen

Die im Labor experimentell in Fütterungsversuchen mit dem Pollen von Bt-Mais erzielten Ergebnisse geben wichtige Hinweise, welche Untersuchungen im Freiland vorgenommen werden sollten, um die Auswirkungen des Anbaus neuer Sorten auf Nichtzielorganismen richtig beurteilen zu können. Die Ergebnisse können jedoch nicht 1:1 auf die Situation im Freiland übertragen werden.

Auf www.biosicherheit.de heißt es zu den Versuchen mit Köcherfliegenlarven:

Nachfolgende Freilandstudie: Kein Einfluss durch Bt-Pollen

„Die Autoren selbst haben in weiteren Untersuchungen im Freiland ihre Hypothese einer möglichen Schädigung von Köcherfliegen durch Bt-Mais überprüft. Die Ergebnisse stellten sie im Juni 2007 auf einer Konferenz der Nordamerikanischen benthologischen Gesellschaft (NABS) vor. Im Juli 2006 installierten die Wissenschaftler in je drei Bächen an Bt-Maisfeldern und konventionellen Maisfeldern Durchflusskammern, um die Wachstumsraten von zwei verschiedenen Köcherfliegenarten zu beobachten. Sie setzten 40 bis 60 Tiere in diese im Wasser hängenden Kammern und verfolgten deren Wachstum über sieben bis neun Tage. Dabei wurden Wachstumsraten zwischen 0,024 und 0,059 pro Tag sowie eine Sterblichkeit von im Mittel 33 Prozent gefunden. Bt-Maispollen beeinflusste weder das Wachstum noch die Sterblichkeit der Tiere. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen somit keinen Hinweis, dass Köcherfliegen durch Bt-Maispollen beeinträchtigt werden.“

Zu 3.3.4. Indirekte Auswirkungen auf die Agrarlandschaften und die Agrobiodiversität

Die Intensität der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung: Düngereinsatz, Pflanzenschutzmitteleinsatz, Technik der Landbewirtschaftung, Drainage, hat Einfluss auf die Biodiversität landwirtschaftlich genutzter Flächen. Dies gilt generell und unabhängig davon, welche Züchtungsmethode zur Züchtung der Kulturpflanzen genutzt wurde.

Zu 3.4 Sozioökonomische Auswirkungen

Anders als angegeben hat sich die Selbsttötungsrate unter indischen Bauern seit Begin des Anbaus von Bt-Baumwolle nicht erhöht sondern im Gegenteil verringert. Dies ist der sorgfältigen Studie des International Food Policy Research Institute, veröffentlicht im Oktober 2008 zu entnehmen.

Zu 3.5 Lösungsvorschläge des Weltagrarrats

Die Vorschläge des so genannten Weltagrarrats sind nicht anerkannt. Nur 6 der 27 EU-Länder haben das Gutachten unterschrieben, auch Deutschland hat nicht unterschrieben.

 

Zu 3.6 Nahrungssicherung durch eine ökologische Landwirtschaft?

In Deutschland werden trotz besonderer Förderung weniger als 5 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche nach den Methoden des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Die Erträge sind durchweg geringer als in den Betrieben, die integrierten Landbau betreiben.

Um die Auswirkungen der Landbewirtschaftung auf die Umwelt zwischen verschiedenen Bewirtschaftungsmethoden zu vergleichen sollte der erzielte Ertrag in Beziehung gesetzt werden zur Belastung der Umwelt. Dadurch könnte ermittelt werden, in welchen Regionen eine „Low-Input-Landwirtschaft“ und in welchen Regionen eine Intensive Landwirtschaft die besten Ergebnisse für die Umwelt erzielt.

In anderen Regionen der Erde, wo zum Beispiel die Lohnkosten geringer sind, kann eine ökologische Landbewirtschaftung in stärkerer Weise als bei uns zur Ernährung beitragen. Dies schließt jedoch nicht den Anbau von gentechnisch veränderten Sorten beispielsweise mit Schädlingsresistenz aus. Der Ökolandbau nutzt auch die Sorten der ersten Grünen Revolution, es ist zu erwarten, dass er die der zweiten Grünen Revolution auch nutzen wird.

Zu 4 Fazit

Es wird die Bedeutung der Schädlingsresistenz für die Erzielung stabiler Erträge unterschätzt.

Es gibt bereits Modellpflanzen, die eine Trockentoleranz besitzen. Die komplexen Zulassungsverfahren bedeuten jedoch, dass sie den Landwirten erst in späteren Jahren zur Verfügung stehen werden.

Auch die Zulassungsverfahren für herkömmlich gezüchtete Kulturpflanzen sind kostenintensiv. Saatzuchtbetriebe bearbeiten nur die Kulturpflanzen züchterisch, bei denen sie erwarten, dass der Verkauf des zertifizierten Saatguts die getätigten Investitionen refinanziert.

Bereits 12 Millionen überwiegend Kleinbauern bauen gentechnisch veränderte Kulturpflanzen an. Welche Züchtungsverfahren Züchter anwenden, ist deren Entscheidung. Gute Regierungsführung ist ein wichtiger Faktor bei der Sicherung der Welternährung – ganz unabhängig davon mit welcher Züchtungsmethode das Saatgut der Landwirte gezüchtet wurde.

Der Anbau schädlingsresistenter Sorten ist ein wichtiger Lösungsansatz zur Sicherung der Welternährung. Die Bt-Sorten sind ein viel versprechender Lösungsansatz, es wäre wünschenswert wenn Pilz- und Virusresistente Sorten folgen würden. Die phythophthoraresistente Kartoffel könnte auch für den Ökolandbau interessant sein, da die Bekämpfung des Pilzes mit den im Ökolandbau verwendeten kupferhaltigen Pflanzenschutzmitteln inzwischen aufgrund ihrer den Boden schädigenden Wirkung inzwischen verboten wurden.

Quellen:

www.biosicherheit.de

www.transgen.de

IFPRI Discussion Paper: “Bt Cotton and Farmer Suicides in India”, Oktober 2008

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