Grüne Gentechnik | Reden

Donnerstag, 16. Oktober 2008
Bundestags-Rede zu TOP 15: Antrag der FDP "Biotechnologische Innovationen im Interesse von Verbrauchern und Landwirten weltweit nutzen – Biotechnologie ein Instrument zur Bekämpfung von Armut und Hunger in den Entwicklungsländern"

 

Dr. Christel Happach-Kasan:

 

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

 

Die Weltbevölkerung nimmt rasant zu. Täglich wächst sie um etwa 80.000 Menschen – das entspricht der Bevölkerung einer Stadt wie zum Beispiel Brandenburg an der Havel, Neumünster oder Marburg. 2030 werden 9 Milliarden Menschen auf dieser Erde leben. Gleichzeitig nehmen die Ackerflächen durch Versteppung und Versalzung ab. Luc Gnacadja, Chef der UNCCD, berichtete im Agrar-Ausschuss über die weltweit zunehmende Versteppung. Die fortschreitende Wüstenbildung wird hervorgerufen durch Klimawandel, falsche Bewirtschaftungsmethoden, schlechtes Regierungshandeln. Sie ist eine zusätzliche Gefahr für die Welternährung.

 

Es ist in den letzten Jahrzehnten gelungen, den Anteil der hungernden Menschen deutlich zu senken. Heute werden gegenüber 1950 vier Milliarden Menschen mehr ernährt als damals, ein Erfolg, der wesentlich auf der ersten grünen Revolution beruht. Doch vom Millenniumsziel der Halbierung von Armut und Hunger bis zum Jahr 2015 sind wir noch weit entfernt. Der Welthunger-Index 2008 zeigt, dass es in einer ganzen Reihe von Ländern gelungen ist, die Ernährungssituation deutlich zu verbessern, in anderen, wie in verschiedenen Südsaharastaaten, ist sie dramatisch schlecht.

 

Die entwickelte Welt ist aufgerufen, vertieft darüber nachzudenken, wie wir auf dieser Erde mehr Menschen ernähren und ihnen eine Lebensperspektive eröffnen können. Ohne Zweifel gibt es sehr politische Gründe, warum in Ländern wie Nordkorea oder der Demokratischen Republik Kongo die Menschen Hunger leiden. Das gilt aber nicht für alle Länder. Die Forderung des Chefs der UNCCD ist berechtigt: Mehr Forschung, eine Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion um 50 Prozent bei Berücksichtigung der Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen. Die bessere Verteilung der Nahrungsmittel ist wichtig, reicht aber nicht. 50% der Nahrungsmittelproduktion wird entweder schon vor der Ernte durch Schadorganismen oder nach der Ernte während der Lagerung vernichtet. Zu einer Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion gibt es daher keine Alternative. Für die Züchtung schädlingsresistenter sowie trockenheits- und salztoleranter Sorten bieten biotechnologische Züchtungsverfahren hervorragende Möglichkeiten und gute Erfolgsaussichten.

 

Nicht die Wünsche satter Europäer sollten Maßstab der Bewertung der Grünen Gentechnik sein sondern die Erfordernisse der Bekämpfung von Hunger und Armut in den ärmsten Ländern der Erde.

 

Ich stimme dem ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Herrn Kardinal Lehmann, zu, der mir in Reaktion auf den Antrag der FDP-Fraktion geschrieben hat: „Ein verantwortungsvoller, nicht nur dem ökonomischen Gewinn verpflichteter Umgang mit biotechnologischen Verfahren ist ethisch geboten und Ausdruck des Bemühens um globale, intergenerationelle und ökologische Gerechtigkeit.“

 

Der Goldene Reis entspricht diesen Anforderungen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erblinden jedes Jahr 500.000 Kinder auf Grund von Vitamin-A-Mangel, die Hälfte von ihnen stirbt. Diesen Kindern könnte der Goldene Reis helfen. Prof. Matin Quaim kommt auf Grund seiner Untersuchungen in Indien zu dem Schluss, dass der Goldene Reis eine Möglichkeit darstellt, den Vitamin-A-Mangel erfolgreich zu bekämpfen.

 

Die Vorstellung, dass Menschen, die so arm sind, dass sie sich fast ausschließlich von Reis ernähren, doch ohne weiteres ihren Speiseplan mit ein bisschen Gemüse aufbessern können, hat nichts mit der Realität zu tun.

 

Es ist den Menschen auf den Philippinen, in Indien und Indonesien zu wünschen, dass Prof. Potrykus mit seiner Überzeugung Recht behält, dass 2012 der Goldene Reis in diesen Ländern angebaut wird. Es ist ethisch nicht verantwortbar, wenn weiterhin die entwickelte, die reiche, die satte Welt, die Entwicklungsländer behindert, Goldenen Reis zu nutzen. Die Industrie hat ihre Lizenzen für die Subsistenzwirtschaft zur Verfügung gestellt. Damit ist gewährleistet, dass dort Nachbau betrieben werden kann.

 

Wir als FDP-Bundestagsfraktion fordern, Forschungen zu fördern, die die Züchtung von Pflanzen ermöglichen, die für die Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern von besonderer Bedeutung sind. Die Chancen und Potenziale der Biotechnologie müssen ausgeschöpft werden. Als führende Industrienation müssen wir Verantwortung für die Forschung und Entwicklung gentechnisch verbesserter Pflanzen für die Bekämpfung von Hunger und Armut übernehmen. Wir Liberale sagen ganz klar: Es ist durch nichts zu rechtfertigen, aus der Situation des Wohlstands in Europa heraus die Anwendung einer Züchtungsmethode zu behindern, die den Menschen in weiten Teilen der Erde bei der Überwindung von Hunger und Armut helfen kann.

 

Uns ist bewusst, dass die Biotechnologie nicht das Allheilmittel zur Bekämpfung des Hungers auf der Welt ist. Wir meinen aber, dass die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt haben, dass die Biotechnologie einen wichtigen Beitrag leisten könnte, gemeinsam mit anderen Maßnahmen, wie: Mehr Bildung, mehr Investitionen in die Landwirtschaft, bessere Anbaumethoden, besseres Regierungshandeln, mehr Rechtssicherheit. So steht es in unserem Antrag. Ich bitte die Kolleginnen und Kollegen um Unterstützung.

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