Grüne Gentechnik

Montag, 28. Juli 2008
Grüne Gentechnik – eine in Deutschland verpasste Chance

 

Die grüne Gentechnik ist in Europa in Politik und Wirtschaft noch immer ein heiß umstrittenes Thema. Wie weit Bürgerinnen und Bürger sich dafür wirklich interessieren, weiß jedoch niemand. Eine Volksinitiative in Schleswig-Holstein für ein gentechnikfreies Schleswig-Holstein fand keine ausreichende Unterstützung. Vor dem Hintergrund der weltweiten Erfolgsgeschichte der Entwicklung und des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen, seit 11 Jahren eine kontinuierliche Steigerung auf inzwischen 114 Mio. Hektar, erinnert der in Europa von einigen Interessenverbänden geführte Kampf gegen die Gentechnik an Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen. So wie die Windmühlen zur Zeit des spanischen Dichters Cervantes Arbeitserleichterungen und bescheidenen Wohlstand brachten, so dient die biotechnologische Pflanzenzüchtung heute der Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge und der Qualität der Produkte, der Minderung der Belastung der Natur und insbesondere in den Schwellenländern dem Aufbau der Wirtschaft, der Bekämpfung der Armut. Indien hat beispielsweise mit dem Anbau von insektenresistenter Baumwolle seine Position als führendes Baumwoll-Land ausbauen können. Don Quichotte, verträumter Idealist oder lächerlicher Narr, man mag beides in ihm sehen, taugt auf jeden Fall nicht als Vorbild für verantwortlich handelnde Politiker. Und dennoch hat sich die Bundesregierung und an der Spitze die Minister Seehofer und Gabriel ihn als Leitgestirn auserkoren.

Die Serie fragwürdiger Entscheidungen die Bundesregierung reißt nicht ab. Angesichts einer herausragenden und international angesehenen Sicherheitsforschung in Deutschland, dokumentiert auf der Internetseite www.biosicherheit.de, sind die restriktiven Bestimmungen des Gentechnikgesetzes zum Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen als Schikane zu betrachten. Der Maiszünsler breitet sich aus, in Brandenburg mit Befallsraten über 70%, der Maiswurzelbohrer wird in Süddeutschland in steigenden Zahlen gefunden, dennoch wird der Anbau der gentechnisch veränderten, insektenresistenten Sorten behindert. Das Gesetz behindert weiter die Umsetzung der High-Tech-Strategie der Bundesregierung im Bereich der landwirtschaftlichen Forschung.

Die Forderung von Minister Seehofer, die Entscheidungen über die Zulassung neuer Sorten auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, ist voll zu unterstützen. Deshalb sollte die Entscheidung nicht im Ministerrat, der ein politisches Gremium ist, getroffen werden sondern von einer Fachbehörde. Sie muss Qualität und Unbedenklichkeit einer neuen Sorte als Futter- und Nahrungsmittel sicherstellen und die Naturverträglichkeit ihres Anbaus. Die Hängepartie der Zulassung der Stärkekartoffel Amflora, verursacht durch politische Entscheidungen im Ministerrat, darf sich nicht wiederholen. Unter solchen Rahmenbedingungen wird die Züchtungsforschung aus Europa vertrieben – zum Nachteil für die gesamte Landwirtschaft.

Der Ersatz der Nulltoleranz für Beimengungen von in Europa nicht zugelassenen Pflanzensorten durch einen Toleranzschwellenwert ist überfällig. Die Schweiz hat einen solchen Toleranzschwellenwert von 0,5% eingeführt. Die Qualität der Futtermittel wird dadurch nicht beeinträchtigt. Die Ablehnung des in der EU diskutierten Schwellenwertes in Höhe von 0,3% durch Minister Seehofer ist sachlich unbegründet und wohl als Zugabe für den bayrischen Landtagswahlkampf zu werten. Die Tierhaltung in Europa und auch in Deutschland ist vom Import von eiweißhaltigen Futtermitteln abhängig. EU-Kommissar Mandelson befürchtet den Abbau der Tierhaltung in Europa. Das würde bedeuten, dass wir Fleisch von Tieren importieren, die mit genau den Futtermitteln gefüttert werden, von denen selbst geringfügige Beimengungen bei uns verboten sind.

Genauso absurd ist die von den Ministern Seehofer und Gabriel unterstützte Vorstellung, dass jede Kommune bestimmen soll, ob in ihrem Hoheitsgebiet die in der EU für den Anbau zugelassenen GVO-Sorten angebaut werden dürfen. Man stelle sich vor, die Kommunen erhielten das Recht zu bestimmen, welche Automarken auf ihrem Hoheitsgebiet fahren dürfen. Doch genau das beinhaltet die Forderung nach „gentechnikfreien Zonen“, europäische oder nationale Zulassungen im Hoheitsgebiet einer Gemeinde auszusetzen. Von dort ist der Weg nicht weit in die Kleinstaaterei.

Don Quichotte konnte die Windmühlen nicht aufhalten, das war gut. Deutschland und Europa können das weitere Vordringen der Gentechnik ebenfalls nicht aufhalten. Weltweit wird erwartet, dass die Gentechnik einen Beitrag zur Lösung des Hungerproblems leisten kann. Gerade die ärmsten Länder brauchen dabei die Unterstützung durch die entwickelte Welt. Europa wird daran nur mitwirken können, wenn es diese Züchtungsmethode mit mehr Realitätssinn betrachtet, ihre Chancen nutzt, statt einem vermeintlichen Paradies nachzutrauern, der vom Menschen nicht beeinflussten Natur.

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