NaWaRo / Wald

Dienstag, 6. Mai 2008
In Brasilien mit Bundesumweltminister Gabriel

Reise von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel vom 27. 04. bis 3.05. nach Brasilien, begleitet von Mitgliedern des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages, Mitarbeitern im Ministerium, sowie Vertretern der NGO: BUND, Nabu, Greenpeace.

Anlass der Reise ist die Übergabe des Vorsitzes der Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) von Brasilien an die Bundesrepublik Deutschland. Die Konferenz findet Ende Mai in Bonn statt.

Stellungnahme von Christel Happach-Kasan, Teilnehmerin an der Reise, stellvertretendes Mitglied im Umweltausschuss, Sprecherin für nachwachsende Rohstoffe und ländliche Räume der FDP-Bundestagsfraktion:

 

Fazit:

Der gesetzliche Schutz des Regenwaldes durch Brasilien ist gut, die Umsetzung des gesetzlichen Schutzes muss an der Größe der Fläche, dem nicht ausreichenden Personal scheitern. Der Schutz des Regenwaldes sollte durch Aufbau von Flächenkatastern unterstützt werden - nur wenn man weiß, wem eine Fläche gehört, kann man den Eigentümer für ungesetzliches Verhalten zur Rechenschaft ziehen.

Die Ausweisung von unberührten Schutzgebieten sollte gefördert werden.

Importverbote für illegal eingeschlagenes Holz in Europa führen zu mehr Bürokratie in Europa, ohne den Regenwald in Brasilien wirkungsvoll zu schützen. Daher sind Importverbote der falsche Weg, stattdessen muss der Schutz vor Ort verwirklicht werden.

Die in Meseberg festgelegte Biokraftstoffquote von 17% muss aufgehoben werden, da sie einen Anreiz zum Soja- und Palmölanbau bietet und damit das illegale Roden des Regenwaldes begünstigt.

Die Äthanolproduktion in Brasilien auf der Grundlage von Zuckerrohr ist weitgehend als nachhaltig zu bewerten. Dem stimmten die anwesenden Vertreter von WWF und Greenpeace zu. Die Abschottung des europäischen Marktes ist nicht gerechtfertigt.

Begründung:

Schutz des tropischen Regenwaldes:

Der Schutz des tropischen Regenwaldes in der Amazonas Region ist ein vorrangiges Ziel des Erhalts der biologischen Vielfalt. Amazonien (4,1 Mio. km2) gehört zu den „hotspots“ der Artenvielfalt, in denen eine Vielzahl von autochthonen Arten gefunden wurden, die Erforschung der Artenvielfalt nicht abgeschlossen ist und zu erwarten ist, dass weitere bisher unbekannte Arten gefunden werden. In Amazonien, einem Gebiet in etwa so groß wie Europa, leben 23 Millionen Menschen. Ihre nachhaltige Nutzung des Regenwaldes, der „Extraktivismus“, d.h. das Sammeln von Früchten, das Gewinnen von Kautschuk, der Anbau von Maniok zur eigenen Ernährung, die Fischerei, ist integrativer Bestandteil aller Schutzkonzepte.

Der Regenwald ist bedroht durch den illegalen Holzeinschlag, der nach wie vor stattfindet, sowie das Abbrennen des Regenwaldes zur Gewinnung von Fläche für die Rinderzucht und den Anbau von Soja sowie Ölpalmen.

Das Brasilianische Ministerium für Umwelt hat einen Aktionsplan zur Verhinderung und der Kontrolle der Entwaldung vorgelegt (Decree n0 6.321/07), der vertrauenerweckend ist. Es ist jedoch die Umsetzung des Aktionsplans extrem schwierig auf Grund der Größe des Gebiets, der geringen personellen Ausstattung (etwa 1000 Personen) und des unzulänglichen Flächenkatasters des riesigen Gebiets.

Es ist bereits gelungen, für das Monitoring der riesigen Flächen und die vorbeugende Kontrolle technische Lösungen zu finden, um vom Satelliten aus hoch auflösende Fotoaufnahmen des Regenwaldes durch den häufig auftretenden Nebel und die Wolken hindurch zu machen. Es wurde ein Schutzgebietssystem etabliert, das aus Naturschutzgebieten und den Indianergebieten besteht, Kernzonen wurden definiert, die absoluten Schutz genießen.

Zum Schutz des Regenwaldes ist die Unterstützung des Aufbaus der Flächenkataster erforderlich, um die brasilianischen Behörden z. B. bei der Kontrolle des illegalen Holzeinschlags, der Verhinderung der Brandrodung zu stärken. Importverbote, die in Deutschland für illegal eingeschlagenes Holz in Brasilien erlassen werden, führen zu Bürokratie in Deutschland, verhindern aber nicht den illegalen Holzeinschlag in Brasilien, der auch dort geahndet wird. Wer bewusst illegal Holz einschlägt, auf Land, das ihm nicht gehört, oder über die ihm zustehende Quote von 20% hinaus (ein Eigentümer einer Fläche darf 20 % seiner Fläche zum Holzeinschlag nutzen), wird aller Wahrscheinlichkeit nach sich auch über Einfuhrverbote hinwegsetzen oder andere Märkte als Deutschland und Europa suchen. Daher ist die Unterstützung der Kontrolle in Brasilien der bessere, weil effektivere Weg, den tropischen Regenwald in Brasilien zu schützen.

In den letzten Jahren hat der Sojaanbau zugenommen. China ist mit einem Import von 36 Millionen t größter Soja-Importeur weltweit, Europa importiert insgesamt 24 Millionen t Soja. Soja wird im Wesentlichen zur Tierfütterung genutzt, bisher nur in geringem Umfang auch zur Herstellung von Biodiesel. Steigende Preise für Soja erhöhen den Anreiz, Flächen des tropischen Regenwaldes für den Sojaanbau zu roden.

Daher wirken die Ausweitung der Tierhaltung z. B. in China und die Einführung des Beimischungszwangs für Biodiesel und die Festlegung des Anteils von Biokraftstoffen auf 17% durch die Bundesregierung in Meseberg als Anreiz zur weiteren Rodung des Regenwaldes.

Äthanolproduktion aus Zuckerrohr:

In Brasilien wird auf 7,2 Millionen Hektar Fläche Zuckerrohr angebaut. Die Hälfte der Fläche wird für die Zuckerproduktion genutzt, die andere Hälfte für die Produktion von Äthanol, etwa 26 Milliarden Liter. Nach dem Anbau von Soja (21 Mio. ha Fläche) und Mais (14 Mio. ha Fläche) steht der Flächenbedarf für Zuckerrohr an dritter Stelle. Es wird für 2008 eine Produktion von 557 Mio. t erwartet. Größter Äthanolproduzent sind die USA (auf Maisbasis) mit einer Menge von 30 Milliarden Liter.

Nach brasilianischen Angaben werden für jede in der Produktion von Zuckerrohr eingesetzte Energieeinheit 8,3 Energieeinheiten generiert.

Zuckerrohr wird nicht auf Flächen des tropischen Regenwaldes angebaut, weil Zuckerrohr während der gesamten Anbauperiode Wasser braucht. Ein Zurückdrängen des Regenwaldes durch vermehrten Zuckerrohranbau ist nach ministeriellen Angaben nicht zu befürchten. Diese Einschätzung wurde sowohl vom brasilianischen Vertreter des WWF wie auch der brasilianischen Vertreterin von Greenpeace während ihrer Präsentation gemeinsam mit lokalen Initiativen sowie zweier Patres der katholischen Kirche geteilt. Die Produktion von Äthanol wurde als nachhaltig bewertet.

Probleme sind die Luftverschmutzung durch das Abbrennen des Zuckerrohrs für das Schneiden des Rohrs durch Saisonarbeiter. Die mechanische Ernte wird angestrebt, führt aber dazu, dass die ungelernten Landarbeiter diese Einkommensmöglichkeit verlieren. Dieses bietet sozialen Sprengstoff.

Brasilien erforscht das Zuckerrohrgenom sowie das von Schadorganismen des Zuckerrohrs. Seit den 90-ziger Jahren wurden transgene Sorten entwickelt mit Resistenz gegenüber den verschiedenen Schadorganismen und Herbizidtoleranz. Die gesetzlich schwierige Situation wird von dem CTC (Sugar Cane Technology Center) kritisiert. Es gibt die Einschätzung, dass Brasilien und die USA in naher Zukunft erste transgene Sorten auf den Markt bringen (www.transgen.de).

Die Produktion von 1 L Äthanol kostet zwischen 30 und 35 €-Cent. An der Tankstelle wird Äthanol für etwa 45 €-Cent verkauft, halb so teuer wie Normal-Benzin. Äthanol wird steuerlich begünstigt. Benzin enthält 20% Äthanol.

Seit 2003 werden zunehmend „Flex-Fuel-Fahrzeuge“ verkauft, Bestand inzwischen 4,5 Mio. Fahrzeuge. (Bei Flex-Fuel-Fahrzeugen wird der Gehalt an Alkohol mit einer Sonde im Tank gemessen, der Vergaser stellt sich entsprechend ein.)

Brasilien hat die im Jahr 2000 von der UNO Vollversammlung beschlossenen Millenium-Ziele (MDG) zur Minderung von Hunger und Armut teilweise umgesetzt. Der in den letzten Jahren gestiegene Anbau von Zuckerrohr hat offensichtlich keine Verdrängung der Nahrungsmittelproduktion bewirkt.

Pressemitteilungen

Pressemitteilungen

Freitag, 4. Januar 2013
Fakten statt Ideologien - Novelle des Arzneimittelgesetzes weist den Weg zur Verringerung des Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung weiter lesen

Alle Meldungen zum Thema