NaWaRo / Wald | Reden

Donnerstag, 24. April 2008
Rede im Deutschen Bundestag zum Sachstandsbericht "Nachwachsende Rohstoffe"

 

„Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

der Sachstandsbericht zum Monitoring „Nachwachsende Rohstoffe“ sieht viele Chancen für nachwachsende Rohstoffe, aber keinen Durchbruch. In einigen Bereichen wie der Nutzung von Pflanzenölen als Hydrauliköle ist in den vergangenen Jahren viel erreicht worden. Der konsequent durchgeführte Vergleich stofflicher Nutzung mit energetischer Nutzung erschwert die Lesbarkeit, ist aber richtig, denn die Bedeutung der Bereitstellung von Energieträgern hat dramatisch zugenommen. Ölpreissteigerungen ermöglichen energetische Nutzungen nachwachsender Rohstoffe, an die früher nicht einmal gedacht werden konnte.

 

Nach wie vor ist Holz der wichtigste nachwachsende Rohstoff in Deutschland, sowohl in der stofflichen wie auch in der energetischen Verwertung. Dieser Rohstoff ist gut etabliert und erfährt eine ständig steigende Wertschätzung. Es ist richtig, dass er aus der Betrachtung des Berichts herausgenommen wurde.

 

Die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe ist ohne Holz insgesamt von geringer Bedeutung. Der Marktanteil bei den chemischen Grundstoffen beträgt 10 %.

 

Im industriellen, chemisch-technischen Bereich werden etwa 2,7 Mio. t nachwachsende Rohstoffe genutzt. Pflanzliche Öle machten mit 0,8 Mio t und Stärke mit 0,64 Mio. t den Hauptteil der stofflich genutzten Rohstoffe für technische Anwendungen aus. Die Anbaufläche liegt für nachwachsende Rohstoffe für die stoffliche Nutzung liegt bei 496 000 Hektar, ist im Vergleich zu 17 Mio. ha landwirtschaftlich genutzter Fläche also von vergleichsweise geringer Bedeutung.

 

Bei der Stärke hat die Kartoffelstärke die größte Bedeutung. 3 Mio t Kartoffeln werden zur Stärkeproduktion verarbeitet gegenüber 0,9 t Weizen und 0,6 Mio t Mais. 640 000 t Stärke werden in technischen Anwendungen genutzt.

 

Der Bericht nennt die gentechnische Züchtung als eine Möglichkeit, nachwachsende Rohstoffe an den Zweck der nachfolgenden Verarbeitung anzupassen. Bei der Stärkekartoffel Amflora ist genau dies geschehen, dennoch hat sie trotz positiver Gutachten der Behörden keine Zulassung durch den Agrarministerrat erhalten.

 

Sie enthält den npt-II-Marker, ein Antibiotikaresistenzgen, das eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum Kanamycin vermittelt. Dieser Marker wurde von der Regierung als Begründung für die Ablehnung der Stärkekartoffel heranzogen, obwohl die EFSA (Europäische Behörde für die Lebensmittelsicherheit) in ihrer Stellungnahme vom Mai 2007 dargelegt hat, dass die Verwendung dieses nptII-Markers in gentechnisch veränderten Pflanzen nicht die Wirksamkeit von Antibiotika der Kanamycin-Gruppe beeinträchtigt. Dieses Antibiotikum ist in Salben und Augentropfen enthalten und wird in der Human- und Tiermedizin als Reserveantibiotikum genutzt, nicht jedoch als reguläres Antibiotikum. Die EFSA hat ihre Entscheidung damit begründet, dass ein Transport des Gens von der Pflanzenzelle in ein Bakterium extrem unwahrscheinlich ist. Außerdem kommt das nptII-Gen bereits in Bakterien der Darmflora sowie in der Umwelt vor. Unter natürlichen Bedingungen wurde kein Transport des nptII-Markers nachgewiesen.

 

Das Beispiel macht deutlich, dass auch gentechnisch verbesserte Pflanzen, die zur Nutzung als Rohstoff in der Industrie optimiert wurden, die die Nachhaltigkeit der Industrieproduktion verbessern helfen, rein ideologisch und ohne inhaltliche Begründung ausgegrenzt werden. Die jetzige Bundesregierung ist da nicht besser als ihre Vorgängerregierung.

 

Die wichtigste Ölpflanze in Deutschland ist der Raps. Er ist inzwischen ein hervorragendes Lebensmittel, das höchsten ernährungsphysiologischen Ansprüchen genügt. Gleichzeitig ist das Rapsöl ein wichtiger nachwachsender Rohstoff für die verschiedensten Anwendungszwecke einschließlich der energetischen Nutzung. Bei der Produktion von Rapsöl entstehen verschiedene hochwertige Kuppelprodukte, wie Pollen beim Rapsanbau, der wichtig für den Rapshonig ist, Rapsschrot als hochwertiges Eiweißfutter in der Tierhaltung, Glycerin bei der Herstellung von Rapsmethylester. Diese Kuppelprodukte berücksichtigt der Bericht in seiner Bewertung anders als beispielsweise das Gutachten des SRU und kommt daher auch zu anderen Schlussfolgerungen. Für die Erstellung der Ökobilanz ist dies unverzichtbar.

 

Die Bewertung des ökologischen Nutzens geschieht in Ökobilanzen, die den gesamten Weg des Rohstoffs von seiner Produktion bis zur Entsorgung nach Gebrauch bewerten. Die Flächeneffizienz der Produktion von nachwachsenden Rohstoffen ist dabei ein wichtiges Kriterium. Die thermische Verwertung am Ende der Nutzung nachwachsender Rohstoffe, ob Faserstoffe, Biokunststoffe etc. bietet sich an. Sie ist der Kompostierung überlegen, weil bei der Kompostierung klimaschädliche  Methanemissionen entstehen. Das bedeutet, dass die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe, gefolgt von thermischer Verwertung am Ende der Nutzung, ein wichtiger Baustein für eine positive Ökobilanz ist.

 

Der Bericht ist eine Fundgrube zu allen Themen, die sich mit der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe und ihrer ökologischen Bewertung beschäftigen. Die lange Erarbeitungszeit erweist sich als Nachteil, weil neuere Entwicklungen und auch die beiden Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) „Klimaschutz durch Biomasse“ und des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik (WBA) beim Bundeslandwirtschaftsministerium „Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung“ nicht berücksichtigt werden konnten. Die trotz anderer Aufgabenstellung starke Fokussierung auf die energetische Nutzung ist teilweise verwirrend. Es ist noch ein erheblicher Forschungsbedarf vorhanden, um die Potenziale der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe auszuschöpfen.

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