NaWaRo / Wald

Mittwoch, 5. März 2008
Antrag der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan und der Fraktion der FDP „Effiziente und ökologische Energie- und Wertholzproduktion in Agroforstsystemen ermöglichen, ökologische Vorteilswirkungen von Agroforstsystemen erforschen”

 

Antrag der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan und der Fraktion der FDP „Effiziente und ökologische Energie- und Wertholzproduktion in Agroforstsystemen ermöglichen, ökologische Vorteilswirkungen von Agroforstsystemen erforschen“

Der Bundestag wolle beschließen:

Der Bundestag stellt fest:

Die Europäische Union hat im vergangenen Jahr nach der Vorstellung des Klimaberichts der UNO beschlossen, bis 2020 20% des Primärenergieverbrauchs durch erneuerbare Energien wie Biomasse, Wind, Photovoltaik zu erzeugen. Die Bundesregierung hat weiterhin für Deutschland als verbindliches Ziel eine Minderung der Treibhausgasemissionen um 40% festgelegt. In 2006 betrug der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch entsprechend der Darstellung auf der Konferenz für Erneuerbare Energien etwa 5,3 %, das 20%-Ziel der EU bedeutet somit eine Vervierfachung. Die Bereitstellung der Primärenergie aus erneuerbaren Energien erfolgte nach Angaben des Bundesministeriums für Umweltschutz und Reaktorsicherheit zu etwa 75% durch Biomasse. Dabei ist die energetische Verwertung von Holz, die einen Anteil von 40,1% erzielt hat, nach wie vor von herausragender Bedeutung. Die ehrgeizigen klima- und energiepolitischen Ziele von EU und Bundesregierung erfordern große Anstrengungen beim Einsparen von Energie, bei der effizienten Nutzung der Energieträger zum Beispiel durch verstärkte Kraftwärmekopplung und insbesondere bei der Bereitstellung des wichtig­sten erneuerbaren Energieträgers, der Biomasse. Nur dann ist gewährleistet, dass die Kostenstruktur für die Verbraucherinnen und Verbraucher sozial verantwortbar ist und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhalten bleibt.

Der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat in seinem im November 2007 vorgelegten Gutachten „Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung – Empfehlungen an die Politik“ die Biomasseträger und deren unterschiedliche Nutzung miteinander verglichen. Dabei zeigt sich, dass die Vermeidungskosten pro eingesparte t CO2-Äquivalent und die Vermeidungsleistung t CO2-Äquivalent pro Hektar bei der Verwendung von Hackschnitzeln aus Kurzumtriebsplantagen die mit Abstand kostengünstigste und effizienteste Möglichkeit der Erzeugung erneuerbarer Energien auf Biomassebasis ist. Der Beirat empfiehlt daher ausdrücklich: “Die Erzeugung von Bioenergie in wärmegeführten KWK-Anlagen bzw. in Heizanlagen auf Basis von Hackschnitzeln sowie auf Basis von Biogas und Gülle und Reststoffen in den Mittelpunkt der deutschen Bioenergiepolitik zu stellen.“ Zur Umsetzung der vorgenannten klimapolitischen Ziele ist die alleinige Nutzung von Waldrestholz nicht ausreichend. Kurzumtriebsplantagen oder andere Formen von Agroforstsystemen bieten eine weitere, bisher in Deutschland noch wenig genutzte Möglichkeit der Holzproduktion, die enorme ökologische Vorteile bietet.

In Europa waren Agroforstsysteme über Jahrhunderte ein integraler Bestandteil der Agrarlandschaft, zum Beispiel: Knicklandschaften in Schleswig-Holstein, Streuobstwiesen und Waldweidewirtschaften, Niederwälder in Bergbauregionen, Korkeichenanbau in Portugal, Dehesas in Spanien. Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung und Spezialisierung der Landwirtschaft wurden sie jedoch weitgehend verdrängt und es sind nur noch rudimentäre Reste in der Kulturlandschaft erhalten geblieben. In modernen Agroforstsystemen, die der Bereitstellung von Energieholz dienen, werden meist Pappeln und Weiden sowie auf nährstoffarmen und trockenheitsexponierten Standorten auch Robinien im lockeren Verband oder in Reihen (z. B. Alley-Cropping-Systeme, streifenweiser Anbau von Gehölzen) angebaut. Nach der Ernte treiben diese Baumarten aus dem verbleibenden Stock wieder aus. Nach bisherigen Erfahrungen liefern die in mindestens 2- oder maximal 10-jährigem Zyklus beernteten Bäume mindestens 20 bis 30 Jahre lang energetisch und stofflich nutzbares Holz. Alternativ können die Baumstreifen aber auch für die Wertholz- oder Streuobstproduktion genutzt werden.

Alley-Cropping-Systeme sind eine spezielle Form der Agroforstwirtschaft, bei der holzartige Pflanzen in Heckenstrukturen angepflanzt und landwirtschaftliche Kulturen auf den dazwischen liegenden Ackerstreifen angebaut werden. In Alley-Cropping Systemen können betriebswirtschaftliche Effizienz und ökologische Vorteilswirkungen in bestmöglicher Form in Einklang gebracht werden. Die Windschutzstreifen haben eine positive Wirkung auf das Mikroklima. Die Senkung der Windgeschwindigkeit auf der vom Wind abgewandten Seite der Baumstreifen und deren Schattenwirkung mindern die Wasserverdunstung des Bodens und erhöhen die Tauwasserbildung. Bei lang anhaltender Trockenheit können diese Effekte entscheidend zur Ertragssicherung beitragen. Zusätzlich nehmen die Bäume sowohl Wasser und Nährstoffe aus dem von Ackerpflanzen nicht durchwurzelten Unterboden auf. Dadurch kommt es zu einem Eintrag von Blattstreu auf den benachbarten Ackerflächen, die mittel- und langfristig zur Anreicherung von organischem Material und Nährstoffen im Oberboden führt und über die so verbesserte Wasserhaltekapazität und Nährstoffversorgung die Bodenfunktionen und die Ertragsbildung nachhaltig positiv beeinflusst.

Im Hinblick auf den aktuell diskutierten Nutzungskonflikt zwischen Nahrungsmittel- und Futtermittelproduktion einerseits und Bioenergieproduktion andererseits bietet die Agroforstwirtschaft als alternative Form der Landnutzung die Möglichkeit, den Anbau mehrjähriger Holzpflanzen (Bäume und Sträucher) mit der Produktion landwirtschaftlicher Nutzpflanzen oder auch der Nutztierhaltung zu kombinieren. Die verschiedenen Elemente des Baum-Feldsystems können hierbei räumlich und nach Erntezyklus je nach betrieblichem Produktionsschwerpunkt und naturräumlicher Ausstattung einer Region beliebig variiert werden.

Aller Voraussicht nach wird der weltweit steigende Holzbedarf auf Dauer nicht rein forstwirtschaftlich in unseren multifunktionalen Wäldern zu decken sein. Schon jetzt sind Pelletheizungen ohne Förderung konkurrenzfähig und tragen zu einer erhöhten Nachfrage nach Energieholz bei. Der in Agroforstsystemen gegebene Erosionsschutz, der unter den Bedingungen des Klimawandels an Bedeutung gewinnt, die erhöhte Biodiversität in Agroforstsystemen und die Sicherung der Nährstoffkreisläufe bieten ökologische Vorteile dieser Form der Biomasseproduktion. Durch den Windschutz und die zeitweilige Beschattung durch die Bäume in Agroforstsystemen kann in trockenen Sommern zudem der Wasserbedarf der darunter wachsenden Pflanzen gesenkt und es können so die Erträge gesteigert werden. Schon heute können Agroforstsysteme auf geeigneten Standorten eine wirtschaftlich interessante Alternative zur reinen landwirtschaftlichen Nutzung darstellen. Steigende Holz- und Energiepreise verbessern die wirtschaftlichen Ergebnisse. In Schweden beispielsweise werden seit mehreren Jahren auf über 10 000 Hektar Kurzumtriebsplantagen bewirtschaftet.

Agroforstsysteme sind von wenigen Ausnahmen abgesehen bislang nur in geringem Maße erforscht worden. Da über das komplexe Wechselspiel zwischen den Komponenten eines Agroforstsystems und deren Wirkungen auf Boden, Biodiversität, Mikroklima und Produktivität unter mitteleuropäischen Verhältnissen bislang nur wenig bekannt ist, besteht gerade im Hinblick auf den prognostizierten Klimawandel ein erheblicher Forschungsbedarf, wie angesichts zunehmender Witterungsextreme (Dürre, Sturm, Starkregen etc.) die landwirtschaftliche Produktion sichergestellt werden kann (Anpassung) und welchen Beitrag Agroforstsysteme durch den integrierten Anbau von Bäumen im Vergleich zu herkömmlichen Bewirtschaftungssystemen als Senke für Klima relevante Gase (Kohlendioxid, Methan, Lachgas, andere Stickoxide) und damit für den Klimaschutz leisten können. Die Dynamik dieser Prozesse und ihre ökologische und ökonomische Bedeutung sind bislang für die temperierte Klimazone aus Sicht der Forschung nur unzureichend verstanden und beschrieben worden. Sie bilden aber die wesentliche Voraussetzung, um Agroforstsysteme auf regionaler Ebene an die jeweilige naturräumliche und betriebliche Voraussetzungen anpassen und konkrete Empfehlungen für Akteure in der Landnutzung ableiten zu können. Zukünftige Forschungsbemühungen müssen hier eine enge Verbindung zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung herstellen, um einen raschen Transfer von neuem Wissen in die Wirtschaft zu gewährleisten und die Wertschöpfungskette in den Bereichen „food“ und „non-food“ effizient zu realisieren.

Neben den klimarelevanten Forschungsaspekten besteht auch im Hinblick auf die ökonomische Bewertung agroforstlicher Bewirtschaftungssysteme ein erhebliches Forschungsdefizit. Ertragsanalytische Ansätze aus den USA zeigen, dass die Gesamtbiomasseproduktion in Agroforstsystemen die in intensiv bewirtschafteten Agrarsystemen in der Regel nicht nur erreicht, sondern sogar übertrifft. Aufgrund des reduzierten Bewirtschaftungsaufwandes für die Baumkomponenten eines solchen Systems wird erwartet, dass die Deckungsbeiträge pro Hektar Agroforstfläche im Hinblick auf steigende Holzpreise und Bewirtschaftungskosten (Dünger, maschinelle Bewirtschaftung, Pflanzenschutzmittel etc.) in den nächsten Jahren über denen herkömmlicher Betriebssysteme liegen werden.

Standortsangepasste Agroforstsysteme erhöhen den Art- und Strukturreichtum der Landschaft und schaffen die Voraussetzungen für die Erhöhung bzw. Stabilisierung der Biodiversität auf hohem Niveau. Aufgrund der durch sie geschaffenen mikroklimatischen Vorteilswirkungen erhöhen sie ferner die Klimaplastizität des Systems Pflanze-Boden-Mensch. Sie ermöglichen die Bereitstellung von nachwachsenden Rohstoffen zur energetischen und stofflichen Nutzung sowie von Nahrungsmitteln auf derselben Fläche. Im Sinne dezentraler Stoffkreisläufe kann so die Selbstversorgung ländlicher Räume gestärkt sowie die Bildung regionaler Wertschöpfungsketten und Märkte angeregt werden.

Aufgrund Ihres landschaftsästhetischen Wertes fördern agroforstlich strukturierte Nutzungen potenziell auch den szenischen Wert von Landschaften und können so das touristische Potential von Landschaften befördern.

Der Bundestag fordert die Bundesregierung auf:

- das Bundeswaldgesetz zu ändern und im Gesetz „Agroforstsysteme“ gegenüber „Wald“ klar abzugrenzen, so dass auf langfristige Nutzung angelegte Agroforstsysteme nicht zu Wald im Sinne des Bundeswaldgesetzes werden;

- Projekte zur Anlage von unterschiedlichen Formen von Agroforstsystemen zu fördern und für die Analyse und Bewertung der kurz-, mittel- und langfristig wirksamen ökologischen Vorteilswirkungen von Agroforstsystemen im Hinblick auf den Schutz und die Entwicklung der Bodenfunktionen, der Biodiversität, der Sickerwassergüte und –menge sowie das Mikro- und Regionalklima zu nutzen;

- die Entwicklung von Anlagekonzepten für an chemisch-physikalische Eigenschaften der Böden und an klimatische Faktoren angepasste, zukunftssichere Agroforstsysteme unter Auswahl von geeigneten Baumarten für optimal angepasste landwirtschaftliche Kulturformen zu initiieren;

- Forschungen in der Pflanzenzüchtung zu fördern, um Trockenheitsresistenz und Ertragsmaximierung bei schnell wachsenden Baumarten zu verbessern;

- eine ökologisch-ökonomische Gesamtbilanz zu Agroforstsystemen zu erstellen;

- die Anlage von Agroforstsystemen im investiven Bereich über die ELER-Verordnung zu fördern;

- die klimarelevanten Leistungen von Agroforstsystemen künftig für Ökokonten und CO2-Zertifikate anzuerkennen;

- die Anlage von Agroforstsystemen künftig als Ausgleichs- bzw. Ersatzmaßnahmen anzuerkennen.

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