Grüne Gentechnik | Reden

Donnerstag, 2. Dezember 2004
Rede im Deutschen Bundestag zur Aktuellen Stunde zum Thema Forschung an embryonalen Stammzellen

Tagesordnungspunkt: Zusatzpunkt Aktuelle Stunde auf Antrag der Fraktion der FDP; Haltung der Bundesregierung zur Forschung an embryonalen Stammzellen nach der Volksabstimmung in der Schweiz und den damit verbundenen Auswirkungen für die Forschung in Deutschland



(Es gilt das gesprochene Wort!)



Anrede,



Die Forschung an humanen Stammzellen ist zurzeit in erster Linie Grundlagenforschung. Sie ermöglicht ein vertieftes Verständnis elementarer biologischer Vorgänge wie der Zelldifferenzierung oder der Tumorentwicklung. Die Grundlagenforschung ist Basis und Fundament aller angewandter Forschung. Sie ist eine öffentliche Aufgabe.

In der Stammzellforschung werden Chancen gesehen, Heilungsmöglichkeiten für verschiedene degenerative, bisher nicht heilbare Krankheiten zu entwickeln wie Parkinson oder Alzheimer. Stammzellforschung zu behindern heißt auch, die Entwicklung von Heilverfahren für diese Krankheiten zu verzögern.

Es hat sich erwiesen, dass adulte Stammzellen ein deutlich geringeres Entwicklungspotential besitzen als embryonale Stammzellen. Daher ist die Forschung an adulten Stammzellen keine Alternative zur Forschung an embryonalen Stammzellen. Aber sie ist eine wichtige Ergänzung.

In dieser Erkenntnis hat der Deutsche Bundestag in der vergangenen Legislaturperiode das Stammzellgesetz verabschiedet. Die dort festgelegte Stichtagregelung ist unbefriedigend, weil sie den Import neu gewonnener Zelllinien verhindert. Es gibt inzwischen neue Zelllinien, die für die Forschung besser geeignet sind, unter anderem, weil sie in konditionierten Medien wachsen können.

Die Grundlagenforschung an Stammzellen ist so gut, wie es die Zelllinien sind, die sie verwendet. Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates der CDU haben mir am Telefon gesagt, wie dringend für ihre Forschung die Verwendung dieser neuen Zelllinien ist.

Es werden ethische Bedenken gegen die Forschung mit embryonalen Stammzellen vorgebracht. Ebenso gibt es die Hoffnung kranker Menschen und ihrer Angehörigen, durch neue, in der Stammzellenforschung entwickelte Therapien, Hilfe zu erhalten. Auch diese Menschen brauchen eine Antwort von uns.

Embryonen können sich nur dann zu einem Menschen entwickeln, wenn sie eine Mutter haben. Die künstliche Befruchtung wird in Deutschland seit mehr als 20 Jahren angewandt. Es kommt vor, dass Embryonen verwaisen, z. B. wenn die Spenderin der Eizelle stirbt. Verwaiste Embryonen sterben. Aus solchen überzähligen Embryonen sollte es auch in Deutschland erlaubt sein, embryonale Stammzellen zu gewinnen.

In der ethischen Betrachtung sollte die Ethik des Heilens einen höheren Stellenwert gewinnen. In einer alternden Gesellschaft wird die Heilung degenerativer Krankheiten einen immer höheren Stellenwert gewinnen. Auch im Bericht der Bundesregierung (Drucksache 15/3639) heißt es: 'Weltweit wurde die zukünftige Bedeutung der stammzellbasierten regenerativen Medizin erkannt und die zugehörige Forschung unterstützt.'



Im Vorfeld der Verabschiedung des Stammzellgesetzes hat die Bildungsministerin eines deutschen Bundeslandes gesagt:

Die medizinische Forschung Â… befindet sich auf hohem Niveau, auch und gerade im Bereich der Humangenomforschung und in der Gentechnologie. Gerade die öffentliche Förderung von Forschung auf diesem Gebiet ermöglicht erst Transparenz und eröffnet Gestaltungsmöglichkeiten, wie sie uns als Zuschauer von ausländischen Entwicklungen nämlich verwehrt würden. Eine Selbstbescheidung Â… auf bloße Lizenzfertigung oder Anwenderlösungen würde im Zeitalter von Binnenmarkt und Internet nur dazu führen, dass wir das importieren, was bei uns verboten, aber in unseren Nachbarländern erlaubt ist. Ich finde, auch das wäre eine moralisch fragwürdige Praxis. Wir würden Wissenschaftler verlieren, die ihre gesellschaftliche Verantwortung in Deutschland wahrnehmen wollen, die hier Forschung betreiben wollen, und zwar unter verlässlichen Rahmenbedingungen.

Dies sagte die Bildungsministerin des Bundeslandes Schleswig-Holstein, Frau Ute Erdsiek-Rave, SPD.

Wir diskutieren in Deutschland über Elitehochschulen und wir alle sind uns darin einig, dass der Erfolg von Forschung und Lehre an unseren Hochschulen nicht nur eine Frage der Finanzen ist, sondern auch der Exzellenz der Wissenschaftler.

Wissenschaftler brauchen einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen, der nicht behindert , sonder die grundgesetzlich garantierte Forschungsfreiheit gestaltet, sie brauchen gesellschaftliche Akzeptanz und - das will ich deutlich sagen - sie brauchen und sie verdienen auch Vertrauen.

Der mögliche Missbrauch darf den rechten Gebrauch nicht verbieten. Die vielfach betriebene Missbrauchsdiskussion hat ihre Ursache doch darin, dass vielen Menschen das Verständnis dafür fehlt, warum Wissenschaftler sich ihrer Forschung verschrieben haben, warum sie immer mehr wissen wollen, neugierig sind, ja mit ihren Experimenten es sogar darauf anlegen, dass unerwartete Ergebnisse dabei herauskommen. Ich meine, unsere Wissenschaftler verdienen weitgehend Vertrauen.



Nur selbstbewusste Menschen können Vertrauen schenken. Seien wir im Deutschen Bundestag bitte selbstbewusst und schenken wir unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Vertrauen!

Die Zustimmung der Bevölkerung in der Schweiz zur Stammzellforschung sollte für uns Anstoß sein, erneut die Diskussion über die Stammzellforschung aufzunehmen und die unsägliche Stichtagslösung abzuschaffen.

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