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Donnerstag, 24. Mai 2007
Rede im Deutschen Bundestag zu TOP 9 'Strategie zur biologischen Vielfalt '

Dr. Christel Happach-Kasan (FDP): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt in Deutschland wunderschöne Beispiele für biologische Vielfalt. Es gibt Orchideenwiesen, das geschützte Wattenmeer und wunderschöne Wälder. Es gibt in jedem Bundesland erstaunliche Beispiele für biologische Vielfalt. Aber wir müssen feststellen, dass in den Ländern der Dritten Welt ein zunehmender Raubbau stattfindet. Deswegen ist die biologische Vielfalt ein internationales Thema mit hoher Priorität, das wir verstärkt angehen müssen. Ich habe einige Beispiele naturnaher Flächen genannt. Daneben gibt es Deutschland aber auch darüber müssen wir uns im Klaren sein Landwirtschaft. Weltweit gesehen brauchen wir beides: Wir brauchen den Naturschutz, den Schutz von biologisch bedeutsamen Flächen, Biotopen und Nationalparks. Wir brauchen aber auch die Landwirtschaft zur Produktion unserer Nahrungsmittel sowie zur Produktion nachwachsender Rohstoffe für die stoffliche und inzwischen insbesondere für die energetische Produktion. Im Natur- und Artenschutz engagieren sich in Deutschland sehr viele Menschen in sehr unterschiedlichen Verbänden. Sie alle eint das gemeinsame Ziel des Erhalts unserer Natur und ihrer Vielfalt. Diesem Ziel sind auch die FDP-Bundestagsfraktion und die FDP insgesamt verpflichtet. Im vergangenen Jahr haben wir auf unserem Bundesparteitag in einem Antrag formuliert, dass es im Interesse unserer Kinder und Enkel gilt, die biologische Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten und Landschaftsform zu erhalten. Jede Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt muss die Ursachen für das Aussterben von Arten bekämpfen und artenreiche Regionen schützen. 3 Prozent der weltweit beschriebenen Arten kommen in Deutschland vor. Das klingt sehr wenig, ist aber sehr viel. Es ist eine große Aufgabe, diesen Schatz zu schützen. Artenvielfalt bedeutet Informationsvielfalt. Die in den Genomen von Tieren und Pflanzen enthaltenen Informationen werden von Züchtern genutzt, um landwirtschaftlich genutzte Tierrassen und Kulturpflanzensorten weiter zu verbessern. Das Aussterben des Mammut in Europa war eine Folge des Klimawandels. Es war unvermeidlich. Der Klimawandel ist allgegenwärtig und ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Der vom Menschen verursachte Anteil des Klimawandels muss weiter bekämpft werden, muss gemindert werden. Aber die durch den Klimawandel hervorgerufene Veränderung des Artenspektrums werden wir nicht aufhalten können. Aber es gibt einen Rückgang an Arten, der über diese unvermeidbare Änderung des Artenspektrums hinausgeht. Wir haben in Deutschland 48 000 Tierarten und 28 000 Pflanzenarten. 520 Tierarten sowie 512 Pflanzen- und Pilzarten sind ausgestorben. Der Präsident des Umweltbundesamtes hat recht: Der Wandel des Artenspektrums in Deutschland ist nicht dramatisch. Für Deutschland können wir verzeichnen, dass wir bei dichter Besiedlung und hoher Intensität der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung keinen großen Artenschwund haben. Dies sollten wir feiern; denn das ist eine Leistung dieses Landes. Die Zerstörung von Lebensräumen ist Hauptursache für den Rückgang der Artenzahl. Angesichts der Tatsache, dass die Weltbevölkerung 1800 bei 1 Milliarde Menschen lag und nun 6 Milliarden beträgt, ist es normal und richtig, dass wir Flächen verstärkt landwirtschaftlich nutzen und die Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung erhöht haben. 1800 wurden in Deutschland sieben Doppelzentner Weizen auf einem Hektar geerntet. Nun sind es über 90 Doppelzentner. Auf diese Intensivierung der Landwirtschaft können wir nicht verzichten. Lebensräume werden auch durch Schadeinträge aus der Luft, zum Beispiel durch den immensen Eintrag von Stickstoffverbindungen über den Luftpfad die Verhundertfachung des Säuregehalts von Waldböden ist hier als Beispiel zu nennen , der immense Eintrag von Stickstoffverbindungen über den Luftpfad ebenfalls - beeinträchtigt und in ihrem Charakter verändert. Eine Folge ist die Minderung der Artenvielfalt, weil Biotope verloren gehen. Die Übernutzung wildlebender Tier- und Pflanzenarten trägt ebenso zum Artenrückgang bei wie das Eindringen gebietsfremder Arten. Sie verdrängen heimische Arten, verändern Biotope in ihrem Charakter und verursachen teilweise Gesundheitsprobleme. Ich will als Beispiele nur Beifußambrosie und Herkulesstaude nennen. Dramatisch ist die Tatsache, dass wir noch immer relativ wenig über die Natur wissen. Einmal im Jahr, am internationalen Tag der biologischen Vielfalt, erkennen wir, dass es in Deutschland Arten gibt, von denen wir glaubten, dass sie ausgestorben sind. An diesem Tag werden regelmäßig einige gefunden. Der öffentliche Eindruck eines Artenrückgangs geht mit der Entfremdung der Menschen von der Natur einher. Wer nur Unter den Linden oder in der Mönckebergstraße spazieren geht, weiß eben nicht, wie artenreich unsere Wälder sind. Die nächste Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt findet im Jahr 2008 in Deutschland statt; das ist gut. Die Konvention enthält eine ganze Reihe von messbaren direkten und indirekten Indikatoren für die Biodiversität: Die Häufigkeit und Verteilung von Arten, Die Waldfläche, Die Fläche geschützter Gebiete, Die Wasserqualität Der Stickstoffeintrag Das Eindringen fremder Arten. Auf Deutschland bezogen, können wir sagen: Vieles ist auf einem guten Weg. Probleme bereiten die zunehmende Flächeninanspruchnahme, das Zerschneiden von Naturräumen und das Eindringen fremder Arten. Aber weltweit betrachtet ist die Situation dramatisch anders. Die Bedrohung der Artenvielfalt wächst. Ich will einige Punkte nennen. Das anhaltende Bevölkerungswachstum erfordert vermehrte Anstrengungen bei der Armutsbekämpfung und damit auch eine vermehrte und intensivere Flächennutzung. Zunehmend mehr Menschen haben keinen Zugang zu gesundem Trinkwasser. Die Übernutzung der Fischbestände bedroht die Biodiversität in den Meeren. Wir sollten nicht vergessen, dass wir es noch nicht einmal schaffen, den illegalen Fischfang in der Ostsee einzuschränken. Ich finde, das ist ein Armutszeugnis, auch für die Europäische Union. Der weitere Verlust von Wäldern, unter anderem bedingt durch den fortgesetzten illegalen Holzeinschlag, hat Auswirkungen auf das Klima. Das gilt auch für die zunehmende Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittelproduktion und Erzeugung von Biomasse für die energetische Nutzung. Wie diesen Herausforderungen international begegnet werden kann, ist noch weitgehend offen. Auch der von der Koalition vorgelegte Antrag zeigt keine wirklichen Lösungen auf. Wenn es aber der Konferenz in Deutschland gelänge, auch nur Lösungsansätze aufzuzeigen, wäre viel erreicht. Wir als FDP-Fraktion stimmen dem Antrag der Koalition gleichwohl zu, auch wenn wir ihn als sehr technokratisch empfinden und die Forderung nach einer Verstärkung der Forschung gerade auf diesem Gebiet völlig fehlt. Bei der Abstimmung über den Antrag der Grünen mit dem Titel "Nachhaltige Ressourcennutzung durch Agroforstwirtschaft' werden wir uns enthalten. Wir teilen die Zielrichtung das ist bekannt , wir sind allerdings mit einigen Formulierungen absolut nicht einverstanden. Den Antrag mit dem Titel "Dem Verlust an Agrobiodiversität entgegenwirken' müssen wir ablehnen. Er ist unstimmig, enthält viel heiße Luft und keine realistischen Lösungsansätze. Damit ist er überflüssig. Ich danke für die Aufmerksamkeit.

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