Grüne Gentechnik

Freitag, 6. Oktober 2006
Verbreitung von Kartoffelknollen und Kartoffelbeeren
- Die ideologische Voreingenommenheit des Bundesamtes für Naturschutz am Beispiel der Bewertung von Freisetzungsversuchen von Kartoffeln -

In einer Presseerklärung vom 20. Juni forderte das BfN einen Sicherungsabstand von 200 m zu einem Kartoffel-Freisetzungsversuch. Auf Anfrage ergab die Antwort des Bundesamtes für Naturschutz keine schlüssige fachliche Begründung für diese Abstandsforderung. Vorbemerkung: Kartoffeln sind die idealen Kulturpflanzen für das Sammeln von Erfahrung mit gentechnisch veränderten Pflanzen: Sie kreuzen nicht in Wildpflanzen aus (die entsprechende Veröffent­lichung von Frau Tappeser ist widerlegt (ipts 2002, Literatur WD), die Auskreuzungsrate in andere Kartoffeln bleibt sogar ohne Sicherungsabstand, ohne Mantelsaat oder andere Maßnahmen unter dem Schwellenwert von 0,9% (ipts 2002). Kartoffeln zeigen wenig Durchwuchs und wenn Durchwuchs erfolgt, ist dieser sehr gut zu kontrollieren. Bereits 1993 erfolgten in Deutschland die ersten Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Kartoffeln. Für die damals freigesetzten Amylose-freien Stärkekartoffeln wurde im letzten Jahr von der BASF der Antrag für das Inverkehrbringen gestellt. Es gibt somit seit mehr als 13 Jahren Erfahrungen mit Freisetzungsversuchen transgener Kartoffeln in Deutschland. Die Anbauerfahrungen mit Kartoffeln reichen etwa 200 Jahre zurück. Zur Bewertung von Sicherungsmaßnahmen bei Freisetzungsversuchen wurde im vergange­nen Jahr ein Gutachten veröffentlicht, das vom UBA und vom BfN in Auftrag gegeben worden war: Nicola Arndt, Matthias Pohl: "Analyse der bei Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen durchgeführten Sicherheitsmaßnahmen: Erhebungszeitraum 1998 - 2004, BfN-Skripten 147, 2005, die Veröffentlichung kann im Internet abgerufen werden unter: www.bfn.de. Laut diesem Gutachten wurden bis 2004 57 Freisetzungsanträge für 69 Standorte gestellt, gegenüber Raps: 40, Zuckerrübe: 25, Mais: 20. Im Gutachten heißt es zu den Kartoffel-Freisetzungsversuchen: "Die derzeit geforderte Nachkontrolle bei Freisetzungs­versuchen mit transgenen Kartoffeln kann daher als ausreichend und effektiv bewertet werden.' (S. 81) Diese Aussage trifft das Gutachten vor dem Hintergrund des bis 2004 geforderten Abstands zu Nachbarfeldern von 10 m. Trotz dieser langen Erfahrungen mit dem Kartoffelanbau und den zahlreichen Erfahrungen mit Freisetzungsversuchen gibt es keine Beobachtungen über eine ungewollte Ausbreitung von Kartoffeln. Auch das BfN nennt kein Beispiel. In einer Presseerklärung vom 20. Juni fordert das BfN dennoch einen Abstand von 200 m zu einem benachbarten FFH-Gebiet. Ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages widerspricht den Aussagen des BfN. Das gutachten bezieht sich auf die Verbreitung von Kartioffelbeeren durch Vögel, da Säugetiere wirkungsvoll durch Abzäunungen von den Feldern ferngehalten werden können. Einzäunung sind für solche Versuche vorgeschrieben. Der Vergleich der beiden Ausarbeitungen von BfN und WD ist Beleg dafür, dass das BfN nicht den Schutz der Natur zum Ziel hat sondern die Verhinderung von Freisetzungsversuchen. Der Vergleich der zitierten Literatur zeigt keinerlei Übereinstimmung zwischen WD und BfN. Auffällig dabei ist, dass das BfN die Dissertation von Stiebel (Fressverhalten von Vögeln) nicht nennt, obwohl das BfN insbesondere die Verbreitung durch Vögel vermutet. Weiter fehlt insbesondere die Arbeit von Arndt und Pohl, die vom BfN selbst mit in Auftrag gegeben worden ist und einen umfassenden Überblick über die Sicherungsmaßnahmen von Freisetzungsversuchen bietet. Dort wird berichtet (S. 48), dass bis 1998 ein Abstand zum Nachbarfeld von 20 m gefordert wurde, nach 1999 bis 2004 nur noch 10 m gefordert wurden, 2005 wurden dann sogar 30 m gefordert (persönliche Mitteilung), 2006 wieder 10 m. Das Ergebnis der Studie steht im Widerspruch zu der 200 m - Abstandsforderung des BfN. Bei der Zitierung der verschiedenen Arbeiten zum Verzehr und Verschleppen von Kartoffelknollen und Kartoffelbeeren durch das BfN fehlt die entscheidende fachliche Einschätzung, ob dadurch eine ungewollte Verbreitung von Kartoffeln mit anschließendem unerwünschten Durchwuchs erfolgt. Bei immerhin 13-jähriger Erfahrung mit Freisetzungsversuchen von Kartoffeln sollte diese Einschätzung durch eine Fachbehörde gegeben werden können. In dem vom BfN mit in Auftrag gegebenen und veröffentlichten Gutachten ist die entsprechende Einschätzung enthalten. Der vom BfN geforderte Abstand von 200 m ist wie möglicherweise andere Auflagen auch nicht erforderlich. Dies belegen verschiedene Arbeiten, die der WD zitiert hat. Auch die Nachbarschaft zu einem FFH-Gebiet berechtigt nicht zur Forderung eines größeren Abstands, da es außerhalb des Versuchsfeldes keine Beeinflussung der Umgebung gibt. Insgesamt bleiben die Ausführungen des BfN sehr vage und spekulativ. Der Bericht des WD zum Fressverhalten von Vögeln ist deutlich detaillierter und zielgerichteter als der des BfN und berücksichtigt die Fragestellung: ungewollte Verbreitung von Kartoffeln durch Tiere. Das BfN geht auf die realen Chancen einer Verbreitung nicht ein und berücksichtigt nicht, dass gefressene oder stark angefressene Kartoffelknollen nicht keimen und somit nicht zur Verbreitung beitragen können. Außerdem verlieren Kartoffelknollen ab -3 Grad Celsius die Keimfähigkeit. Deswegen ist ein Durchwuchs sehr unwahrscheinlich. Die vom WD beigefügte Auswertung des Versuchs in Roggenstein 2004 zeigt, dass die gentechnische Veränderung keine signifikanten Änderungen hinsichtlich Morphologie und Inhaltsstoffen bewirkt. Das BfN hat keine Bewertung dieses Versuchs vorgenommen. Der WD berichtet über die Koexistenzversuche in England und in Norddeutschland, wo die Verbreitungsrate von Kartoffeln bei völligem Verzicht auf Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung gemessen wurde. Sie betrug zwischen 0,1 und 0,5%. Das bedeutet, dass fast keine besonderen Maßnahmen erforderlich sind. Das BfN geht darauf nicht ein. Der Vergleich der Aussagen des BfN mit diesem vom BfN in Auftrag gegebenen und vom BfN veröffentlichten Gutachten macht deutlich, dass es dem BfN um eine politische Einflussnahme im Sinne einer Verhinderung der Gentechnik geht und nicht um den Schutz der Natur. Möglicherweise sollte die Presseerklärung befreundeten Verbänden bei der Argumentation gegen die Grüne Gentechnik helfen. Das Bundesamt für Naturschutz missbraucht die Erwartung in sein Fachwissen für ideologische Stellungnahmen und gefährdet damit die Existenz des eigenen Amtes.

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