Grüne Gentechnik

Donnerstag, 16. Juni 2005
Wir brauchen eine sachliche Bewertung der Chancen der Grünen Gentechnik

n Ausgabe 4/2005 der Blätter für deutsche und internationale Politik haben Sie den Artikel "Das Kartell der Grünen Gentechnik' von Christoph Palme veröffentlicht. Es ist mir unverständlich, wie in dieser angesehenen Zeitschrift ein derartiger Beitrag, eine Mischung aus Unwissenheit, Verschwörungstheorien, und Wissenschaftsfeindlichkeit, Platz finden konnte. Wie sollen Leserinnen und Leser ohne spezifische Kenntnis des Themas diese Polemik als unsachliche Provokation erkennen können? Mit welcher Begründung hat die Redaktion einen Autor ausgewählt, der laut Publikationsliste des Miniinstituts, in dem er arbeitet, sich erst seit kurzem mit dem Thema beschäftigt. Der Autor ist von den Koalitionsfraktionen zur Anhörung des Ausschusses für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft zum Zweiten Gentechnikgesetz eingeladen worden. In seinen Statements wurde deutlich, dass er keine originären Kenntnisse über die grüne Gentechnik besitzt und als Jurist keine Grundlagen für eigenständige Bewertungen der naturwissenschaftlichen Gegebenheiten vorweisen kann. Gentechnische Methoden werden seit mehr als drei Jahrzehnten angewandt. In der Arzneimittelherstellung gehörte die Herstellung von menschlichem Insulin mit Hilfe transgener Bakterien zu den ersten kommerziell erfolgreichen Produkten. Seither sind etwa 100 Medikamente produziert unter Anwendung gentechnischer Methoden auf dem Markt. Bei der Produktion von Aminosäuren, Enzymen, Vitaminen kommen gentechnische Methoden zum Einsatz. In der Pflanzenzüchtung wurde mit der Züchtung herbizidtoleranter Pflanzen begonnen, insektenresistente Kulturpflanzen wie Baumwolle, Mais und inzwischen auch Reis mindern den Bedarf an Pflanzenschutzmitteln, die Züchtung von Pflanzen mit erhöhtem Vitamingehalt, verbesserten Eigenschaften für die Nutzung als nachwachsende Rohstoffe, Beispiel Stärkekartoffel, Krankheitsresistenz, Trockenresistenz kommt voran. Der weltweite Anbau transgener Sorten nimmt rasant zu. Eine Abkehr von der Gentechnik wäre in Hinblick auf die Welternährung nicht nur fatal, sie ist glücklicherweise auch vollkommen unrealistisch. Die EU und Deutschland sollten weiterhin aktiv an der Forschung, Entwicklung und der Anwendung der Gentechnik beteiligt sein - zum Nutzen der Wirtschaft und in erster Linie zum Nutzen der Menschen. Für das Eurobarometer wurde im November die Bevölkerung in den EU-Ländern befragt. Es ist bemerkenswert, dass 70 % der Bevölkerung in Deutschland der Meinung sind, dass der Anbau von transgenen Pflanzen keine Umweltrelevanz hat. Und weiterhin ist auffällig, dass nur in Deutschland jeder zweite (49%) sich schlecht informiert fühlt über transgene Pflanzen. Der Beitrag von Herrn Palme ist ein Beitrag zur weiteren Verunsicherung. Er entmündigt die Bürgerinnen und Bürger, weil er ihnen die Möglichkeit verwehrt, sich eine eigene Meinung zum Thema zu bilden. Der Text von Dr. jur. Christoph Palme ist kein konstruktiver Beitrag zur wichtigen gesellschaftlichen Diskussion um die Chancen und Risiken der grünen Biotechnologie. Palme verwendet als Quellen für seine Behauptungen hauptsächlich Publikationen von Anti-Gentechnik-Organisationen wie GM-Watch, Greenpeace, Gen-ethischer Informationsdienst, Independent Science Panel oder Institute of Science in Society. Es fehlen völlig Veröffentlichungen wissenschaftlicher Institutionen, wie des Max Planck Instituts für Züchtungsforschung oder auch der Bericht über die erste Technikfolgenabschätzung, die am Wissenschaftszentrum in Berlin unter der Leitung von Prof. van den Daele durchgeführt wurde. Palme eröffnet seinen Artikel mit der angeblichen Bedrohung durch die "Antimatschtomate', die vor 11 Jahren als erstes gentechnisch verändertes Lebensmittel ausschließlich in den USA auf den Markt kam und bald auch wieder verschwand, ohne irgendjemandem Schaden zugefügt zu haben. Doch Palme spekuliert, sie sei "oftmals wochenlang durch Europa gekarrt' worden. Zum Beweis des angeblich vorhandenen gesundheitlichen Risikos durch Gentechnik verweist er auf die einzige Studie, die immer dafür herhalten muss: Arpad Pusztais Fütterungsversuche an Ratten aus dem Jahre 1998. Damals hatte der Forscher sich im Fernsehen zu noch nicht veröffentlichten Forschungsergebnissen geäußert, deren vermeintlich brisante Ergebnisse in einer anschließenden Überprüfung durch unabhängige Experten nicht bestätigt werden konnten. Herr Pusztai verlor seinen Job am Rowett Research Institute in Aberdeen und gilt seitdem als Vorzeige-Märtyrer. Für Palme ist es ausgemachte Sache, dass der Ex-Forscher Recht hat und von der "offiziellen Wissenschaft', etwa der angeblich von der Pharma- und Biotech-Industrie unterwanderten Royal Society, nur verleumdet wurde. Teil des Komplotts sind für ihn auch alle Institutionen, die mit der Zulassung von GVO befasst sind, etwa das Robert-Koch-Institut, die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA, die amerikanische FDA und auch EU-Kommission, UNO, Weltbank, WHO, FAO und die nationalen Regierungen, die sich auf sie verlassen. Sie alle haben nach Palme keine Ahnung Deutschland und die EU verfügen über strenge und umfassende Regelungswerke im Bereich der Gentechnikgesetzgebung. Lebensmittel, Zusatzstoffe und Futtermittel, die aus gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden, erhalten nur nach Durchlaufen einer umfassenden wissenschaftlichen Sicherheitsbewertung eine Zulassung. Doch der Jurist Palme konstruiert einen Zusammenhang zwischen Magenkrebs und gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln, wodurch insgesamt die "menschliche Gesundheit zum Verlierer dieses Teufelskreislaufs' werde. Diese Behauptung ist absurd. Es gibt nicht einmal Anhaltspunkte für diese Behauptung. Des Weiteren warnt Palme vor: - "Gentransfer von der Nahrung in den Körper' des Menschen (Wir essen etwa 1000 Billionen Gene pro Tag. Je weniger Lebensmittel verarbeitet sind, umso mehr Gene enthalten sie. Plädiert Palme für die stärkere Verarbeitung von Lebensmitteln?); - sinkender Artenvielfalt (Die Minderung der Artenvielfalt auf dem Acker ist das Ziel jedes Landwirts, je geringer der Pflanzenschutzmitteleinsatz umso weniger wird die Artenvielfalt außerhalb des Ackers beeinflusst.); - steigendem Herbizidverbrauch (Das Gegenteil ist der Fall.); - Superunkräutern (Diese sind je nachdem, was gemeint ist, entweder Fantasiegebilde oder beherrschbares Problem.); - und der Entstehung von Monokulturen (Jede Landbewirtschaftung erfolgt in Monokulturen.). Dieser Katalog soll die These des Autors belegen, die Züchtungsmethode Gentechnik sei eine unverantwortliche "Risikotechnologie'. Warum die Anwendung dieser Methode in der Züchtung von Kulturpflanzen besondere Risiken birgt, aber von ihm unwidersprochen bei der Arzneimittelherstellung sehr sicher ist, erfahren die Leser nicht. Dennoch nimmt er diese Prämisse als gegeben an und sieht in allem, was mit der Entwicklung und Anwendung der Technologie zu tun hat, Teile eines groß angelegten Komplotts. Der Rest des 11 Seiten langen Artikels sind Variationen über die allgemeine Weltsicht Palmes, aus denen wir weder über wissenschaftliche noch über ökonomische Aspekte der Gentechnik etwas lernen können. Es geht um die "krakenartige Ausbreitung neoliberaler Ideologie', um Bush, Cheney, Berlusconi, die Gehälter von Funktionären, einen "riesigen Innovationsschub' (natürlich nicht durch "biotechnologische (Schein-)Innovationen', sondern durch Windräder), die "Versklavung der Kleinbauern' durch das Patentrecht, "rechtslastige Netzwerke', die "US-Besatzungsmacht im Irak', die Gleichschaltung der Medien, usw. usf. Selbst auf Schauergeschichten, etwa vom Selbstmord von 10.000 indischen Baumwollbauern in den letzten zehn Jahren, verzichtet Palme nicht. (Nebenbei gesagt: falls die Zahl stimmt, liegt die Selbstmordrate erheblich niedriger als etwa bei deutschen Teenagern. Und einen Zusammenhang mit der Gentechnik behauptet selbst Palme nicht) Als eklatanten Auswuchs der "Kumpanei zwischen Biotech-Unternehmen und Politik' präsentiert er uns die 1998 erfolgte Berufung von Lord Sainsbury als Wissenschaftsminister in das Kabinett von Tony Blair. Doch Sainsbury ist kein Biotech-Unternehmer. Sein Verbrechen besteht, abgesehen von seiner positiven Einstellung zur Biotechnologie, darin, dass eine der Stiftungen der Sainsbury Familie rund 400 Millionen Pfund für gemeinnützige Zwecke gespendet hat, wobei in den letzten 10 Jahren etwa 15 Prozent in die biologische Grundlagenforschung an Pflanzen geflossen sind. Natürlich stellt Palme Sainsbury nicht als Stifter vor, sondern als "Inhaber einer der größten Supermarktketten des Landes'. So fällt dem Leser die Einordnung leichter. Alles klar: Lobbyist der Lebensmittelindustrie. Unerwähnt bleibt, dass ausgerechnet Sainsbury`s 1999 als erste Supermarktkette werbewirksam ein gentechnikfreies Sortiment präsentiert hat, so dass Greenpeace die deutschen Handelsketten dazu aufrief, sich Sainsbury`s "Bündnis für den Ausstieg aus gentechnisch veränderten Lebensmitteln' anzuschließen. Der lange Arm des vermeintlichen Superlobbyisten scheint nicht einmal bis zum Management der eigenen Firma zu reichen. Für Deutschlands müssen (in Ermangelung eines Milliardärs als Minister) die Chefs von DFG und Leibniz-Gemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker und Hans-Olaf Henkel, als Beispiel für den "unheilvollen Filz zwischen Wissenschaft und Kommerz' herhalten. Solche haltlosen Anschuldigungen, bei weitgehender Abwesenheit sachlicher Argumente, sollten in einer seriösen Zeitschrift genauso wenig zu suchen haben wie die arrogante Haltung gegenüber der Bevölkerung Nordamerikas und der der Entwicklungsländer, die laut Palme "uninformiert und entsprechend leicht manipulierbar' seien. Ist die Meinung von Herrn Palme das Maß aller Dinge? Gerade in Hinblick auf Entwicklungsländer, die Palme als Opfer eines "Gentechnik-Imperialismus' beschreibt, verkennt er die Situation. In Ländern wie Argentinien, Brasilien, China, Kuba, Ägypten, Indien, Mexiko und Südafrika ist der Wert der Gentechnik erkannt worden, und es sind in den letzten Jahren massive Anstrengungen unternommen worden, eigenständig Technologien zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Kleinbauern entsprechen. Unterstützt werden diese Bemühungen durchaus auch aus dem Westen, etwa durch die 2003 gestartete Initiative PIPRA (Public-Sector Intellectual Property Resource for Agriculture) von US-Universitäten und Stiftungen, die armen Ländern den Zugang zu patentierten Technologien erleichtert, aber auch durch einige der Agro-Konzerne, die ihr Know-how für Projekte wie den Goldenen Reis kostenlos zur Verfügung stellen. Christoph Palme fordert, dass Politiker ihre Rolle als "ehrliche Makler' ausfüllen und "für einen Ausgleich der Interessen' sorgen. Das ist eine völlig berechtigte Forderung. Es gibt genügend Politiker, die dazu bereit sind - in allen Fraktionen des Deutschen Bundestages. Leider ist sein mit gezielten Fehlinformationen und sprachlichen Entgleisungen gewürzter Beitrag eine Aufforderung an Politiker, diesen Auftrag der Politik zu missachten und in der globalisierten Welt die Illusion zu hegen und zu pflegen, dass weltweite Entwicklungen vor der Festung Europa halt machen.

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