Fischerei

Montag, 19. April 2004
Kleine Anfrage 'Zukunft von Aalzucht und Aalfischerei in Deutschland'

Deutscher Bundestag Drucksache 15/2929 15. Wahlperiode 19. 04. 2004 Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft vom 14. April 2004 übermittelt. Die Drucksache enthält zusätzlich den Fragetext. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Rainer Brüderle, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP - Drucksache 15/2873 - Zukunft von Aalzucht und Aalfischerei in Deutschland Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r Bereits seit mehreren Jahren lässt sich in deutschen und europäischen Gewässern ein stetiger Rückgang der einzigen hier heimischen Aalart (Anguilla anguilla) feststellen. Dieser "Europäische Aal' findet in nahezu allen europäischen Gewässern (einschließlich im Ostsee- und im Mittelmeerraum) sein natürliches Verbreitungsgebiet. Die Gründe für den zwischenzeitlich Besorgnis erregend starken Rückgang des Europäischen Aals sind bislang nicht eindeutig geklärt. Nach Einschätzungen des Institutes für Fischerei in Rostock ist die Aalfischerei nicht die wesentliche Ursache für den Aalrückgang. Mögliche Ursachen liegen in dem komplexen Entwicklungszyklus dieser katadromen Fischart sowie in der Überfischung der Glasaale (bis 3 Jahre alt). Der Aal lebt 8 bis 12 Jahre in unseren Flüssen und Seen und wächst dabei auf 200 bis 1 000 g heran. Als Blankaal wandern die ausgewachsenen Tiere die Flüsse herab, um eine 5 000 km weite Wanderung durch den Atlantik bis zur Sargassosee anzutreten. Hier legen die Aalweibchen 4 bis 5 Millionen Eier in etwa 700 m Meerestiefe ab, die anschließend von den Männchen befruchtet werden; daraufhin sterben die Elterntiere ab. Aus den Eiern schlüpfen weidenblattförmige Leptocephalus-Larven, welche etwa 3 Jahre lang passiv mit dem Golfstrom in Richtung europäische und nordafrikanische Küste treiben. Hier angekommen, entwickeln sich die Larven zu kleinen, durchsichtigen, etwa 0,5 g schweren, nun aber schon aalförmigen Fischen, den so genannten Glasaalen. Die Glasaale wandern zumeist in größeren Schwärmen, nun schon dunkel gezeichnet, als Steigaale flussaufwärts, um sich hier wiederum zu adulten Tieren zu entwickeln. Wie aus der Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament zur Entwicklung eines gemeinschaftlichen Aktionsplans zur Bewirtschaftung des Europäischen Aals (EU-Ratsdok. 132 19/03, vom 3. Oktober 2003) hervorgeht, werden derzeit innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft intensive Bestandserhaltungsmaßnahmen ergriffen. In Anbetracht des komplexen Entwicklungs- und Wanderverhaltens des Europäischen Aals weist der Rat der Europäischen Union in diesem Papier auf den weiterhin bestehenden Forschungsbedarf hin, der notwendig sei, um einen nachhaltigen Aalschutz und damit auch die Voraussetzungen für einen weiterhin gesicherten Aalfang in der EU zu erreichen. Derzeit werden in der EU jährlich etwa 10 000 t des Europäischen Aals in Aquakulturen produziert. Als Besatzaale dienen hierfür wildgefangene Glasaale. Die künstliche Aufzucht der Aallarven gestaltet sich momentan noch schwierig. 1. Wie beurteilt die Bundesregierung den Zustand der Aalbestände in Europa und in Deutschland? Der Bestand des Europäischen Aals befindet sich nach Einschätzung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Diese Einschätzung wird sowohl von der Europäischen Kommission in ihrer Mitteilung an den Rat und das Europäische Parlament vom 1. Oktober 2003 (KOM (2003) 573 endg.) wie auch von der Bundesregierung geteilt. In der "Roten Liste der gefährdeten Tiere Deutschlands' wird der Aal ebenfalls als "gefährdet' eingestuft. 2. Welche statistischen Angaben gibt es zu Fang-, Import- und Exportzahlen des Europäischen Aals (auch im Glasaal-Stadium): a) für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland b) für das Gebiet der Europäischen Union für den Zeitraum der letzten 10 Jahre? Mit Recht verweist die Europäische Kommission in ihrem o. a. Bericht auf die kaum zuverlässige Datenbasis auf europäischer Ebene. Nach inoffiziellen Schätzungen sollen — so die Europäische Kommission — in den 90er Jahren etwa 30 000 t Aal jährlich auf europäischer Ebene gefangen worden sein. Genauere Daten liegen auch der Bundesregierung nicht vor. Laut Eurostat sind 2002 rd. 635 t Aal als Fänge der Berufsfischer gemeldet worden. Nicht in allen Bundesländern werden jedoch Erhebungen bei den Anglern regelmäßig durchgeführt. Die Datenlage bei diesen Fängen beruht insoweit auf Hochrechnungen. Sie dürften sich danach auf weniger als 1 200 t belaufen. Genauere Daten liegen aber für die Fänge der Kleinen Küstenfischerei des Landes Mecklenburg-Vorpommern vor. Danach sind in den letzten 10 Jahren bei fallender Tendenz die Fänge von rd. 160 t im Jahre 1994 auf 97 t im Jahre 2002 zurückgegangen. Einfuhr von lebenden Aalen nach Deutschland (Produktgewicht in t) Ausfuhr von lebenden Aalen aus Deutschland (Produktgewicht in t) 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 1 947 1 956 1 541 1 816 1 622 1 724 1 592 1 782 1 280 1 706 1 353 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 101 151 119 191 162 118 107 161 109 171 179 3. Liegen der Bundesregierung statistische Angaben zur Entwicklung des deutschen und europäischen Aalhandels (speziell des Glasaalhandels) mit den ostasiatischen Staaten insbesondere mit der Volksrepublik China für den Zeitraum der letzten 10 Jahre vor? Werden die in chinesischen Aquakulturen aufgezogenen Europäischen Aale primär in China konsumiert oder findet eine Weitervermarktung größeren Stils z. B. nach Japan statt? Aus Deutschland findet kein Glasaalexport statt. Statistische Angaben zur Entwicklung des europäischen Aalhandels mit dem ostasiatischen Raum speziell für Glasaal liegen der Bundesregierung nicht vor. Der Export von Glasaal ist ein nur schwer durchschaubarer Bereich. Nach aktuellen Erkenntnissen werden bei Glasaalfängen von rd. 2 Mrd. Stück pro Jahr wohl rd. 700 Mio. Stück in den asiatischen Raum exportiert. Es liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse darüber vor, in welche Länder die in chinesischen quakulturen aufgezogenen Aale exportiert werden. 4. Welche Ursachen kommen nach Ansicht der Bundesregierung für den Rückgang der Aalbestände in Betracht, und welche Gegenmaßnahmen hält sie für zweckmäßig? Hält die Bundesregierung die Überlegungen der Europäischen Kommission (Ratsdok. 132 19/03) hinsichtlich Fangbeschränkungen bei größeren Aalen und Beibehaltung der gegenwärtigen Praxis der Glasaalfänge und -verwertung für zielführend? Bereits vor der Europäischen Kommission hatte die EIFAC (Europäische Binnenfischereiberatungskommission der FAO) und der ICES seit Jahren auf den kritischen Zustand der Europäischen Aalbestände verwiesen und Managementmaßnahmen zu ihrem Schutz gefordert. Die Betrachtung der Trends in der Entwicklung der Aalfischerei zeigt langfristige Schwankungsperioden, deren Ursachen unbekannt sind. Die jetzige Abwärtsentwicklung der Blank- und Glasaalfänge hat zu einem bisher nicht gekannten, historischen Tief geführt. Hierfür werden eine Reihe von Vermutungen angeführt, ohne dass es einen klaren Beleg für oder gegen die jeweilige These gibt. Zu den anthropogen verursachten Gründen zählen Habitatverbauung und -zerstörung, Turbinenverluste durch Wasserkraftwerke, die Verschmutzung der Gewässer, ein aus Asien eingeschleppter Schwimmblasenparasit des Aals und die fischereiliche Nutzung. Die Verfrachtung großer Mengen von Glasaalen in den asiatischen Raum, begleitet von steigenden Kosten für diese Lebensstadien und zurückgehenden Besatzaktivitäten ist dabei ein Beispiel fischereilicher Nutzung, welches zum Rückgang beigetragen haben kann. Als natürliche Gründe kommen in Betracht die starke Zunahme natürlicher Feinde des Aals, wie beispielsweise dem Kormoran oder auch klimatische Veränderungen. Eine eindeutige Zuordnung eines dieser Faktoren zur Bestandsentwicklung des Europäischen Aals ist nicht möglich. Die Möglichkeit einer additiven Wirkung der aufgezählten Faktoren ist wahrscheinlich. Es ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass sich nicht nur der Bestand des Europäischen Aals in einem Niedergang befindet, sondern ebenso der des Amerikanischen Aals im Atlantik und mindestens die des Japanischen Aals sowie der zwei in Neuseeland heimischen Arten Anguilla australis und A. dieffenbachii im Pazifik. Eine Erklärung gibt es für dieses Phänomen nicht. Es erscheint es allerdings sinnvoll, den möglichen Einfluss klimatischer Faktoren mit ihren Auswirkungen auf die Primärproduktion im Ozean dahin gehend näher zu untersuchen. Die Europäische Kommission erwägt in ihrem Bericht zur Aalbewirtschaftung innerhalb der Europäischen Union eine Reihe lokaler Maßnahmen, die von den Mitgliedstaaten einheitlich durchgeführt werden sollen. Bis zur endgültigen Vorlage und Umsetzung dieses Wiederauffüllungsplans will die Europäische Kommission über Sofortmaßnahmen sicherstellen, dass geschlechtsreife Aale (Blankaale) zum Laichen ins Meer zurückkehren können. Das ist auch nach Auffassung der Bundesregierung zu begrüßen, jedoch ist der Ansatz der Europäischen Kommission mit dem Schwerpunkt "Blankaalschutz' wegen des weiterhin bestehenden hohen Anteils der Glasaalexporte in den asiatischen Raum zu einseitig gewählt. Nach Auffassung von Wissenschaftlern würde für den Besatz deutscher Gewässer rd. 200 Mio. Stück Glasaale vollständig ausreichen. Dies entspricht nur rd. 1/10 der derzeitigen Glasaalfänge. Zielführend kann nach Auffassung der Bundesregierung deshalb nur ein gleichgewichtiger Ansatz sein, der alle Lebensstadien des Aals umfasst. 5. Kann die Bundesregierung Angaben zur Entwicklung der Glasaalpreise (vom Europäischen Aal) pro kg für die letzten 10 Jahre anführen? Auf welche Faktoren führt die Bundesregierung diese Preisentwicklung zurück? Wie schätzt die Bundesregierung die Ansicht ein, dass das momentane Preisniveau für das Kilogramm Glasaal deutschen Aalzüchtern aus wirtschaftlichen Gründen den Aalbesatz in Deutschland unmöglich macht? Die Endabnehmerpreise stiegen seit 1995 von etwa 120 auf aktuell über 700 Euro pro kg Glasaal (1 kg = etwa 3 000 Stück). Nach derzeitigen Erkenntnissen ist der Preis für Glasaal ein Tagespreis, der sich nach der Nachfrage richtet. Die Preisentwicklung für Glasaale ist fraglos mit den Aufkauf-Aktivitäten durch chinesische Händler für die dortige Aquakultur verknüpft. Sie wichen auf den Europäischen Aal aus, weil der Japanische Aal in seiner Bestandsentwicklung eine ähnliche Entwicklung durchmachte wie der europäische und nur noch geringe Mengen von Glasaalen des japanischen Aals — und nur zu sehr hohen Preisen — zur Verfügung standen. Die hohen Preise für Glasaal haben erhebliche Auswirkungen auf die Besatzmaßnahmen durch die Berufsfischerei bzw. Angler. Nach Schätzungen sollen die Besatzmaßnahmen im Vergleich zu den 80er Jahren um 80 % zurückgegangen sein. Dem finanziellen Aufwand für den Besatz muss aus Sicht des Betriebes ein wirtschaftlich vertretbarer Erfolg aus dem Fang gegenüberstehen. Dieser ist bei den jetzigen Glasaalpreisen nicht mehr gegeben. Der Besatz unterbleibt folglich tendenziell. 6. Teilt die Bundesregierung die Ansicht, dass der Rückgang des Aalbestandes in Deutschland auch auf den drastisch zurückgegangenen Besatz mit Glasaalen durch die deutsche Binnenfischerei zurückzuführen ist? Für den Rückgang des Aalbestandes in Deutschland sind mehrere Faktoren verantwortlich zu machen. Ganz offensichtlich sind die Zahlen aufsteigender Glasaale seit über 20 Jahren stark rückläufig. Die regionalen Bestände des Europäischen Aals in den deutschen Gewässern basieren zu einem erheblichen Teil auf künstlichen Besatzmaßnahmen durch die jeweiligen Berufsfischer. Flächendeckende quantitative Angaben zur Bedeutung des Besatzes für den deutschen Bestand können aufgrund fehlender Zahlen nicht gemacht werden, aber fraglos haben Besatzmaßnahmen einen positiven Einfluss und tragen erheblich zur Stützung des Aalbestandes bei. Da in einigen Flüssen wegen der fehlenden Durchgängigkeit der Erhalt des Bestandes überhaupt nur durch Besatz garantiert werden kann, dürften die hohen Preise für Glasaal die schlechte Bestandssituation noch verschärfen. 7. Welchen Anteil am Rückgang der Aalbestände in Deutschland haben Wasserkraftwerke, Flussverbaumaßnahmen, Stauanlagen etc. an Flüssen? Die vielfältigen anthropogenen Eingriffe in die Gewässer haben eine deutliche Minderung der gewässermorphologischen Dynamik und einen entsprechenden Habitatverlust für die Fischgemeinschaften bewirkt. Eine verursacherscharfe Quantifizierung dieser Auswirkungen ist jedoch nicht möglich. Zur qualitativen Abwägung des jeweiligen Anteils von Längs- und Querbauwerken oder von Wasserkraftanlagen am Rückgang des Aalbestandes können nach Erkenntnissen des Umweltbundesamtes folgende Aussagen getroffen werden: Die überwiegend geringen Stauhöhen deutscher Stauanlagen lassen erwarten, dass die Auswirkungen des freien Falls, der Druckschwankungen, der Gasübersättigung im Unterwasser als Mortalitätsursachen von geringerer Bedeutung sind. Das erhöhte Prädationsrisiko in Stauabschnitten und im unmittelbaren Unterwasser von Stauräumen kann gegenwärtig nicht bestimmt werden. Die Flussverbaumaßnahmen und Stauanlagen etc. an Flüssen behindern insbesondere den Aufstieg der Glasaale. Die Querverbauungen an Fließgewässern haben im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen dazu geführt, dass nach einer europaweiten Schätzung dem Aal etwa 50 % des ihm früher zur Verfügung stehenden Lebensraumes entzogen worden sind. Die Auswirkungen auf den Bestand dürften entsprechend sein. In Deutschland sind 25 % der geeigneten Habitate für Aale durch Verbauung unzugänglich. Hier versucht insbesondere die berufsmäßige Fischerei durch Besatzmaßnahmen einen Ausgleich zu schaffen. An Entnahmebauwerken zur Brauchwassergewinnung (z. B. Kraftwerke) können anlagenspezifisch hohe Verletzungs- und Mortalitätsraten auftreten. Die turbinenbedingten Mortalitätsraten von Blankaalen sind von vielen Faktoren abhängig und werden neben parasitären Krankheiten als eine der Ursachen für die Bestandsgefährdung angesehen. Nach Auffassung von Experten werden durch die Turbinen von Kleinwasserkraftwerken wegen häufig nicht ausreichender Schutzvorrichtungen rund ein Drittel der die jeweilige Anlage durchschwimmenden Fische (insbesondere Aale) getötet bzw. verletzt. Da Wasserkraftanlagen grundsätzlich den ökologischen Zustand der Fließgewässer beeinträchtigen, verknüpft die vom Bundestag beschlossene Novelle des EEG daher die Förderung von Strom aus kleinen und großen Wasserkraftanlagen mit dem Nachweis über den guten ökologischen Zustand des Gewässers bzw. die Verbesserung des ökologischen Zustands gemäß der EG-Wasserrahmenrichtlinie. 8. Liegen der Bundesregierung Angaben oder ungefähre Schätzwerte über die jährliche Glasaalentnahme durch Spanien und Frankreich zur Bereitung traditioneller Glasaal-Marinadegerichte vor? Etwa wie viele Aal-Einzelindividuen werden nach diesen Angaben jährlich dem europäischen Naturhaushalt entzogen? Von den jährlichen Glasaalfängen von rd. 2 Mrd. Stück werden rund 600 Mio. Stück Glasaal zu Speisezwecken im europäischen Raum verwandt. Zusammen mit dem Export werden damit weit über die Hälfte der gefangenen Glasaale dem europäischen Naturhaushalt entzogen. 9. Welchen Kenntnisstand hat die Bundesregierung über Forschungsprojekte oder Versuchsstudien zur künstlichen Nachzucht von Europäischen Aalen in: a) Deutschland b) weltweit? Wann ist nach Einschätzung der Bundesregierung mit entsprechend erfolgreichen Nachzuchtergebnissen von Europäischen Aalen zu rechnen? Welche Zeitspanne liegt unter Zuchtbedingungen zwischen der Aal-Eiablage, der Entstehung des Glasaales und dem adulten Aal? Experimentelle Untersuchungen zur kontrollierten Vermehrung des europäischen Aals werden schon seit einigen Jahrzehnten durchgeführt. Sie sind vor dem Hintergrund der weitgehend ungeklärten Reproduktionsbiologie dieser Art zu sehen. Heute muss der Aspekt einer zumindest theoretisch möglichen Bestandsstützung durch gezielt erzeugte Aalbrut bzw. Glasaale zusätzlich beachtet werden. In Deutschland wurden erste Versuche zur kontrollierten Reifung von Aalen in der Außenstelle Ahrensburg der Bundesforschungsanstalt für Fischerei durchgeführt. Bereits Ende der 60er Jahre gelang es dort männliche Tiere zur Vollreife zu bringen. Von unreifen Blankaalen aus Wildfängen konnte nach 4- bis 6-wöchiger Behandlung motiles Sperma gewonnen werden. Die Behandlung weiblicher Tiere gestaltete sich viel komplizierter und führte in den 70er Jahren nur zu Teilerfolgen. Nach 8 bis 14 Wochen war ein Stadium weit fortgeschrittener Reife erreicht, jedoch konnten reife Eier nur selten erzeugt werden. Ähnliche Ergebnis erzielten ebenso eine Reihe anderer Labore in Italien, Frankreich, Dänemark. Von einer unbekannten Anzahl weiterer Versuche darf ausgegangen werden, so z. B. auch in Korea und China. Zurzeit finanziert die EU ein Projekt "Estimation of the reproduction capacity of the European eel' , das sich mit der Frage des Einflusses von Verschmutzung und Parasitierung auf die Vermehrungsfähigkeit des Aals auseinandersetzt. Unter natürlichen Bedingungen findet die Metamorphose der Leptocephaluslarve zum Glasaal nach etwa 2-jähriger Verweildauer im Atlantik statt. Unter Laborbedingungen dürfte sich dieser Prozess bei höheren Wassertemperaturen deutlich verkürzen lassen. Die Produktion von verkaufsfähigen Aalen dauert unter kontrollierten Aufzuchtbedingungen vom Glasaal ausgehend etwa 1,5 bis 3 Jahre. Dabei spielen das Geschlecht sowie das Auseinanderwachsen der Tiere eine entscheidende Rolle. 10. Teilt die Bundesregierung die Ansicht der Europäischen Komission, dass die Rückwanderung möglichst vieler Blankaale gewährleistet werden sollte? Wenn ja, welche Unternehmungen unterstützt die Bundesregierung, um dieses Ziel in Deutschland zu erreichen? Wie bereits dargestellt, begrüßt die Bundesregierung alle Maßnahmen, die die Rückwanderung möglichst vieler Blankaale in die Sargassosee unterstützen. Die Zuständigkeit für etwaige Maßnahmen liegt jedoch nicht bei der Bundesregierung, sondern bei den Bundesländern. So werden z. B. in Rheinland-Pfalz mittels Reusen in den Moselstaustufen vor den Wasserkraftanlagen gefangene Blankaale schonend gehältert und einmal wöchentlich mit einem Fischtransportfahrzeug an den Rhein bei Linz verfrachtet und in den hindernisfreien Rhein wieder ausgesetzt, um die Laichwanderung in die Sargassosee zu ermöglichen. Diese durchgeführte Maßnahme kann nach Auffassung der Bundesregierung jedoch nur eine Notmaßnahme bleiben. Grundsätzlich sollte deshalb der Durchgängigkeit der Flüsse für den zurückwandernden Aal Vorrang eingeräumt werden. Im Übrigen wird auf die Beantwortung zur Frage 4. verwiesen. 11. Wie hoch schätzt die Bundesregierung das Risiko ein, dass abwandernde Blankaale durch Wasserkraftturbinen Schaden nehmen? Das Ausmaß der Schädigung und die Mortalität von Blankaalen ist abhängig von dem Turbinentyp, der Durchflusshöhe, der Fallhöhe und den Betriebsbedingungen. Demzufolge fallen die wissenschaftlich festgestellten Mortalitätsraten unterschiedlich aus. Insgesamt werden die Mortalitätsraten als bedeutsam angesehen. Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 7 verwiesen. 12. Beabsichtigt die Bundesregierung, sich in der Europäischen Union für die Unterbindung des Massenexportes von Glasaalen in Regionen außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes sowie ihrer Verwendung für den menschlichen Konsum einzusetzen? Die Bundesregierung betrachtet den hohen Exportanteil der Glasaalfänge in den asiatischen Raum mit Sorge. Etwaige Einschränkungen dieses Exports ließen sich jedoch nur auf Grundlage der internationalen handelsrechtlichen Vereinbarungen durchführen. Auch eine Beschränkung der Verwendung von Glasaal für den menschlichen Konsum dürfte auf europäischer Ebene wegen der kulturhistorischen Hintergründe kaum mehrheitsfähig sein. 13. Für wie gefährlich erachtet die Bundesregierung unter Aalschutz-Aspekten die Infektion ganzer Aalbestände mit dem Schwimmblasenwurm Anguillicola crassus? Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, gegen diese Krankheit vorzugehen? Der parasitierende Schwimmblasen-Nematode Anguillicola crassus des europäischen Aals wurde vor über 2 Jahrzehnten vermutlich aus Taiwan importiert. Seine schnelle Verbreitung über ganz Europa wurde durch seinen relativ einfachen Lebenszyklus und seine Fähigkeit, sich an eine große Anzahl von Zwischenwirten anzupassen, erleichtert. Er besitzt eine hohe Reproduktionsrate und kann mit seinen frei lebenden Stadien in einem weiten Bereich unterschiedlicher Umweltbedingungen überleben. Aale können sich bereits im Glasaalstadium infizieren. Die Befallsraten liegen in Deutschland bei rd. 65 bis 90 %. Durch die Parasitierung wird die Gassekretion der Schwimmblase behindert oder sogar unmöglich. Dadurch kann das Organ nicht mehr seiner Aufgabe nachkommen, die Vertikalbewegungen des Aals durch Veränderung des spezifischen Gewichtes mit geringem Energieaufwand zu bestreiten. Diese Bewegungen finden im Meer im Tag-Nacht-Rhythmus statt und können mehrere Hundert Meter betragen. Ob der Befall die ozeanischeWanderung des Aals stört oder gar verhindert, kann nicht abschließend sicher gesagt werden. In Binnengewässern oder Aquakulturanlagen aufgetretene Sterblichkeiten von Aalen wurden mit einer erhöhten Empfindlichkeit durch Parasitierung in Zusammenhang gebracht. Eine Bekämpfung des Parasiten ist aufgrund des Vorhandenseins seiner Zwischenstadien in verschiedenen Zwischenwirten praktisch unmöglich. Die Untersuchungen der Möglichkeiten zur Behandlung befallener Aale stehen noch am Anfang. Weitere Besatzmaßnahmen mit infizierten Tieren sollten unterbleiben. 14. Wie beurteilt die Bundesregierung den Einfluss der Kormoranbestände auf die Aalpopulationen in Deutschland? Hält sie die Stellungnahme der REDCAFE-Gruppe zu dieser Frage für ausgewogen? Wie hoch war der Anteil der Fischereivertreter insgesamt und aus Deutschland in dieser Gruppe? Nahrungsuntersuchungen an Kormoranen zeigen, dass sie in der Regel die Fische fressen, die im Gewässer in passender Größe am häufigsten vertreten sind. In ausgesprochenen Aalgewässern kann das auch durchaus der Aal sein. Kormorane können somit einen negativen, lokalen Einfluss auf die Besatzaktivität an den Gewässern verursachen. Die REDCAFE-Gruppe hat keine Stellungnahme zum Einfluss des Kormorans auf die Aalbestände abgegeben. Sie bestand aus 49 Personen aus 25 Ländern. Repräsentiert waren 43 Organisationen: Berufsfischer, Freizeitfischer, Fischzüchter, Naturschützer, Vogelschützer, Ornithologen sowie Fischerei- und Sozialwissenschaftler. Von den drei deutschen Vertretern gehörten zwei dem Umweltschutzbereich in Bayern (Landesamt) bzw. Sachsen (Ministerium) an, der dritte war ein Wissenschaftler der Technischen Universität München. 15. Wie wird die Bundesregierung die wissenschaftliche Untersuchungen zur Lösung bislang ungeklärter Probleme und bei der Umsetzung verwertbarer Ergebnisse im Zusammenhang mit der Dynamik der Aalbestände unterstützen? Welche konkreten Forschungsprojekte können hier genannt werden? Wissenschaftliche Untersuchungen sind - wie aus dem oben Gesagten ersichtlich - in Hinblick auf die ungeklärten biologischen und wirtschaftlichen Fragestellungen und Probleme mit dem Aal dringend erforderlich. Sie werden im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Binnenfischereiforschung, einem Zusammenschluss der binnenfischereilich forschenden Institutionen des Bundes und der Länder, diskutiert, beschlossen und koordiniert. Die Forschungsarbeiten zum Bestand des Aals in Deutschland sind in der letzten Zeit erheblich verstärkt worden und werden noch intensiviert. Sie umfassen die Auswertung vorhandener, aber weit verstreuter Unterlagen zu Fängen, Fanggeräten, Fischereiaufwand und Sterblichkeit. Dies schließt die Aufbereitung historischer Daten mit ein (status quo ante). Ziel ist es, zu einer Gesamtbewertung des Bestandes zu kommen und Datenlücken zu identifizieren. Dies erweist sich auch im Zusammenhang mit dem von der Kommission angestrebten Managementplan als notwendig. Feldforschungen sind erforderlich bzw. geplant zur Bestimmung der fischereilichen Sterblichkeit bestimmter Fanggeräte mit Hilfe von Markierungsexperimenten in Küsten- und Binnengewässern und für die Angelfischerei. Das Glas- und Jungaalmonitoring wird ausgeweitet, verbunden mit der Schaffung methodischer Grundlagen.Weiterhin werden physiologische Untersuchungen an Aalen im Zusammenhang mit Parasitierung, Fitness und viralen Krankheiten fortgeführt.

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