NaWaRo / Wald

Dienstag, 27. August 2002
'Bildung wird in unserer Gesellschaft als Wert nicht anerkannt'

Leserbrief zum Beitrag von Holger Strohm in den LN vom 25.8.: Bildung - Lernen mit aller Gewalt' Vom wem ein Artikel geschrieben wurde, ist zunächst mal egal. Wenn er besonders gut ist, schaut man auf den Namen, um ihn sich zu merken, und wenn der Artikel besonders schlecht ist, interessiert man sich auch, wer ihn geschrieben hat. Holger Strohm ist bisher insbesondere als Katastrophen-Journalist bekannt geworden. Die Gefahren von Kernkraft, AIDS oder Flugzeugsabstürzen waren seine Themen. Seit deutsche Schülerinnen und Schüler bei PISA schlecht abschnitten, wurde er flugs zum Bildungsexperten. Das haben unsere Kinder nun wahrlich nicht verdient. Die Kernaussage von Holger Strohm "Das deutsche Bildungssystem ist nicht reformierbar' hilft niemandem weiter, trifft außerdem nicht zu und geht an den Ursachen der schlechten Ergebnisse deutscher Schüler in der PISA-Studie vorbei. Die vielen von ihm erwähnten Studien, beschäftigen sich gerade nicht mit dem Schulsystem, sondern insbesondere mit Lehrerverhalten, mit der Psychologie des Lernens. Diese Studien sind bedenkenswert, sie sind aber ungeeignet, das Bildungssystem insgesamt zu beurteilen. Der Artikel zeichnet ein Zerrbild von Schule und Unterricht. Den vielen Lehrerinnen und Lehrern, die sich trotz ungünstiger Rahmenbedingungen für ihre Schülerinnen und Schüler mit aller Kraft einsetzen, wird er nicht gerecht. Doch die schlechten Rahmenbedingungen erwähnt Holger Strohm nicht: Laut einer EU-Studie wird in Deutschland für Bildung 10,2% des Bruttoinlandsproduktes ausgegeben. Damit steht Deutschland im Vergleich der EU an vorletzter Stelle. In Schleswig-Holstein erhalten jetzt Hauptschüler fünf Stunden pro Woche weniger Unterricht als vor zehn Jahren, bei Realschülern wird jede 10. in den Stundentafeln vorgesehene Stunde nicht gehalten. Wir sind ein Einwanderungsland, die Kinder der Migranten sprechen bei der Einschulung oft kein oder nur wenig Deutsch. Sie müssen besser gefördert werden, in ihrem Interesse und in dem ihrer deutschen Klassenkameraden. Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Bildung wird in unserer Gesellschaft als Wert nicht anerkannt. Das Kokettieren mit der sechs im Fach Mathematik ist ein Ausdruck dieser Missachtung des Wertes von Bildung. PISA hat ergeben, nur noch eine Minderheit unserer Schulkinder liest freiwillig. Doch Lesen ist eine Kulturtechnik mit ganz zentraler Bedeutung für unsere Wissensgesellschaft. Ohne die gesellschaftliche Anerkennung von geistigen Leistungen, das gesellschaftliche Ansehen derer, die unterrichten, eine in der Gesellschaft akzeptierte Definition von Bildungsstandards wird sich nur wenig ändern. Die Gesellschaft muss der Investition in Menschen einen höheren Stellenwert einräumen als der Investition in Sachwerte. Nur dann ist sie in der Lage ihr Bildungsinhalte und Schwerpunkte den gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen. Doch davon sind wir weit entfernt. Für Sprachlabore und EDV-Ausstattung gibt es Sponsoren aber für gute Lehrerinnen und Lehrer?

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