Ernährung | Schleswig-Holstein | Reden

Sonntag, 3. Juni 2012
Festvortrag von Dr. Christel Happach-Kasan MdB auf der Jubiläumsveranstaltung der Ratzeburger Soroptimisten am 3. Juni 2012

Die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung – eine Herausforderung


Festvortrag von Dr. Christel Happach-Kasan MdB
auf der Jubiläumsveranstaltung der Ratzeburger Soroptimisten am 3. Juni 2012


Vor einigen Wochen hat mich die Präsidentin unseres Clubs gebeten, heute den Festvortrag zu halten. Das Thema sollte aus meiner Tätigkeit als Mitglied im Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages berichten, aktuell sein und einen Bezug zum Engagement von Frauen haben. Ich habe mich dafür entschieden, über die Herausforderungen zu sprechen, die die Sicherung der Welternährung bedeuten. Das ist ein Thema, dem Frauen sich weltweit in besonderer Weise verpflichtet fühlen. Dies Thema reicht weit über die drei K hinaus, die entsprechend wilhelminischen Wertevorstellungen die soziale Rolle der Frau beschreiben sollen – aber nie beschrieben haben: Kinder, Küche, Kirche. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es in Politik und Gesellschaft durchaus Menschen gibt, die sich von diesen Vorstellungen noch nicht verabschiedet haben. Wir als Soroptimisten wollen dem entgegenwirken.

Das Wohlbefinden vieler  Menschen, die Chancen nachwachsender Generationen und damit der Frieden hängen weltweit von ausreichender und von guter Ernährung ab. Die Ereignisse in Nordafrika, zum Beispiel die Jasminrevolution in Tunesien 2010, hervorgerufen durch stark gestiegene Lebensmittelpreise und schlechte Zukunftsperspektiven der Jugend, haben dies sehr deutlich gemacht.

Frauen erfüllen bei der Sicherstellung der Ernährung in den unterschiedlichen Kulturen sehr unterschiedliche Aufgaben. Aber in allen Kulturen nehmen Frauen eine zentrale Stellung bei der Versorgung der Familien mit Nahrung ein. Die damit verbundenen Tätigkeiten können sehr unterschiedlich sein. Einige von uns haben vielleicht wie ich Bilder im Kopf, die stolze Afrikanerinnen zeigen, die das Wasser in hohen Tonkrügen auf dem Kopf in ihr Dorf transportieren. In manchen Kulturen ruht auf den Schultern der Frauen nicht nur die Nahrungszubereitung sondern auch die Landbewirtschaftung. In manchen Ländern sind besonders Frauen erfolgreich, mit Hilfe von Kleinkrediten Unternehmen zu gründen, mit deren Einkommen sie ihre Familien ernähren. Frauen sind in vielen Gesellschaften für die Lebensgrundlagen zuständig: Essen und Trinken, für das, was selbstverständlich sein sollte und doch in vielen Teilen der Erde nicht selbstverständlich ist. Möglicherweise beruht darauf die in vielen Kulturen zu beobachtende untergeordnete Stellung der Frau, die ihrer großen Bedeutung für das Gemeinwesen in keiner Weise entspricht.

Weltweit hungern eine Milliarde Menschen. Eine weitere Milliarde Menschen sind Mangel ernährt. Das ist der versteckte Hunger. Wir wissen aus der Geschichte unseres eigenen Landes, dass eine gute Ernährung mehr leisten muss, als den Energiebedarf zu decken. Während bei uns heute Vitaminmangelerkrankungen wie Skorbut oder Rachitis weitgehend der Vergangenheit angehören, sind sie in armen Ländern bittere Realität. In den Ländern, deren Hauptnahrungsmittel der Reis ist, fehlt häufig Vitamin A. Sein Mangel macht die Menschen krankheitsanfällig, verursacht Erblindung.  In den reichen Ländern gibt es für erblindete Menschen zahlreiche Unterstützungen. Ich habe als Studentin in der Blindenstudienanstalt in Marburg Mathematik-Nachhilfe gegeben. Die jungen Menschen lernen, mit ihrer Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu leben. In armen Ländern bleibt blinden Menschen oftmals nur das Betteln, um sich zu ernähren. Oftmals fehlen der Nahrung in armen Ländern außerdem wichtige Spurenelemente oder beispielsweise Folsäure, deren Mangel schwere Geburtsschäden verursacht.

Die schwierige Situation hungernder Menschen hat heute sehr viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit als früher. 1992 hat die Konferenz in Rio das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus gerückt. Der Welthunger war damals kein Thema. Heute, 20 Jahre danach, ist die Bekämpfung des Hungers auch auf der Nachfolgekonferenz ein Thema – und dies, obwohl wir in der Zwischenzeit durchaus Fortschritte zu verzeichnen haben. Der Anteil hungernder Menschen hat sich verringert, die absolute Zahl dagegen nicht. 1950 lebten knapp 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, 40% hungerten. Inzwischen sind wir über  7 Milliarden Menschen und etwa 14% hungern. Diese Erde ernährt inzwischen dreimal so viele Menschen wie 1950. Es werden mehr Nahrungsmittel als damals produziert. Dies ist der Erfolg der Grünen Revolution, der Züchtung ertragreicher Sorten, der Verbesserung agrarischer Techniken: Düngung und Pflanzenschutz. Dies führte zu einer Intensivierung der Landwirtschaft, mit besseren Ernten aber auch einer höheren Belastung der Umwelt, einer Minderung der Biodiversität. Dies wird in den satten Ländern beklagt. Doch die Alternative zur Grünen Revolution ist nicht die Extensivierung, sie würde Hunger verursachen, sondern die Verbesserung agrarischer Methoden.

Ein Instrument, um die Ernährungssituation in den verschiedenen Staaten vergleichbar zu machen, ist der Welthungerindex. Mit ihm wird die Ernährungssituation weltweit in jedem einzelnen Land nach drei Kriterien bewertet: dem Anteil der Unterernährten insgesamt, dem Anteil der unterernährten Kinder und der Kinder, die bis zum 5. Lebensjahr sterben. Je höher der Wert des Welthungerindexes ist, umso schlechter ist die Ernährungssituation. Im vergangenen Jahr wurden 81 Länder in diesem Index aufgeführt, davon 36 Länder, in denen der Index höher als 20 war, die Situation also als sehr ernst bewertet wurde. Schlusslicht dieser Liste ist der Kongo. Aber es sind nicht nur kleine Länder aufgeführt, Länder aus ariden Gebieten wie der Sahelzone, Diktaturen wie der Jemen. Auch Indien, die größte Demokratie, zählt zu den Ländern, die ihre Bevölkerung nicht ernähren können, in denen die Situation als sehr ernst bewertet wird. Selbst ein kurzer Besuch in Indien, der die touristischen Zentren und Einkaufsmalls verlässt, führt Armut und Hunger sehr drastisch vor Augen.

Europa hat den Hunger besiegt, Südamerika kann inzwischen seine Bevölkerung weitgehend ernähren. Die Fortschritte in Südamerika aber auch China sind beachtlich. Damit bleiben Asien und Afrika die Kontinente mit den größten Problemen.

Was sind die Ursachen? Es gibt keine einfache Antwort, auch wenn wir alle in verschiedenen Diskussionen schon ganz einfache Antworten gehört haben. Wenn 81 Länder unterschiedlicher Erdteile, unterschiedlicher geographischer Regionen, dünn besiedelte und dicht besiedelte Länder betroffen sind, dann ist auch klar, dass es keine einfache Antwort geben kann. Allein auf dem Subkontinent Indien mit seiner armen Landbevölkerung den riesigen Slums am Rande der Städte, einem in unseren Augen sehr unsozialen Kastensystem werden viele Lösungen zur Bekämpfung des Hungers gebraucht. Es gibt keine einzige, die es leisten kann, alle Menschen satt zu machen.

Die Ernährung der Menschen ist kein reines Verteilungsproblem, auch wenn es Regionen mit großen Überschüssen gibt. Nahrungsmittel müssen bei den Menschen ankommen, die Hunger haben. Wo die Straßen fehlen, wo Regierungen die Einfuhr von Lebensmittelhilfen verweigern, gibt es fast keinen  Weg den Menschen von außen zu helfen. Wenn das kommunistische Nordkorea seine politische Priorität darauf ausrichtet, Atomstaat zu sein, statt seine Bevölkerung zu ernähren, ist es unmöglich, dort den Menschen zu helfen. Die Ernährung ist jedoch auch ein Mengenproblem. Allein auf eine bessere Verteilung zu setzen, reicht nicht aus. Es gelingt außerdem nicht, die Nahrungsmittel gerade in den tropischen Regionen so zu lagern, dass sie genussfähig bleiben. Es gibt Schätzungen, die besagen, dass die Hälfte der Lebensmittel dort verdirbt.

Weltweit wächst die Bevölkerung. Die Menge an Land, die zur Ernährung eines Menschen zur Verfügung steht, nimmt kontinuierlich ab. 1960 standen noch 4.400 m2 Ackerland pro Kopf der Bevölkerung zur Verfügung, 2000 waren es nur noch 2. 200 m2. Dieser Effekt wird verstärkt durch die zusätzliche Landnutzung für die Produktion von Biomasse zur energetischen Verwertung: Das ist nicht nur Kraftstoff sondern in gleicher Weise die Nutzung von Mais zur Produktion von Biogas für die Verstromung. Außerdem gehen Ackerflächen durch den Klimawandel verloren. Je weniger Fläche pro Kopf der Bevölkerung zur Verfügung steht, umso intensiver muss diese Fläche bewirtschaftet werden. Das bedeutet gleichzeitig, dass extensive, traditionelle Methoden der Landbewirtschaftung nicht ausreichen werden, die Menschen zu ernähren.

In Europa haben die Kriege des letzten Jahrhunderts zu Hungersnöten geführt. Noch im 19. Jahrhundert war Hunger in vielen Familien ein regelmäßiger Begleiter. Schlechte Ernten in Europa führten zu Auswanderungswellen nach Nordamerika. Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven erzählt die Geschichte der Auswanderung. Ich habe dort den Namen meiner Familie gefunden. Das Auftreten der Krautfäule vernichtete in Irland Kartoffelernten und damit die Lebensgrundlage vieler Familien. Die Kartoffel war ehemals eine wichtige Ernährungsgrundlage bei uns. Sie ist global gesehen die viertwichtigste Nahrungspflanze nach Reis, Weizen und Mais. Der Kolonistenhof bei Rendsburg berichtet über die Bedeutung der Kartoffel für die Besiedlung Schleswig-Holsteins.

Wie haben wir in Europa diese Situation überwunden? Von entscheidender Bedeutung war die Entwicklung des Bildungssystems, die Alphabetisierung weiter Teile der Bevölkerung. In Deutschland wie Großbritannien wurde vor etwa 100 Jahren eine 100-ige Alphabetisierung der Menschen erreicht. In Südeuropa war dies erst sehr viel später der Fall. Erfahrungswissen kann nur weiter gegeben werden, wenn die Menschen lesen und schreiben können. Das Gleiche gilt für die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis. Wer nicht lesen kann, bleibt ausgeschlossen vom wissenschaftlichen Fortschritt.  Wir beobachten, in den Ländern mit schwieriger Ernährungssituation ist der Alphabetisierungsgrad gering, liegt zwischen 30% und 70%. In besonderer Weise ist die Landbevölkerung betroffen, der durch mangelnde Bildung jeglicher Zugang zu modernem Wissen verwehrt ist.
Wir beobachten weltweit eine Zunahme der Verstädterung. Inzwischen lebt etwa die Hälfte der Menschen in Städten. Für die arme städtische Bevölkerung ist der Zugang zu bezahlbaren Nahrungsmitteln wichtig, für die Landbevölkerung das Erzielen fairer Preise. Das klingt wie die Quadratur des Kreises. Es heißt aber nur, dass mehrere Strategien verfolgt werden müssen: Für die Landbevölkerung die Stärkung ihrer so genannten Subsistenzlandwirtschaft. Das ist eine Landwirtschaft, die nur auf Selbstversorgung setzt und allenfalls die Bedienung lokaler Märkte zum Ziel hat. In der Mongolei habe ich eine Zweifelderwirtschaft gesehen: Ein Feld Weizen, ein Feld Brache. Da gibt es Möglichkeiten die Erträge zu erhöhen. Für die Stadtbevölkerung heißt dies die Versorgung mit bezahlbaren Nahrungsmitteln.

Das setzt voraus, dass eine nachhaltige Produktionssteigerung erfolgt. Grundlage menschlicher wie tierischer Ernährung ist die pflanzliche Produktion. In 200 Jahren ist die Ertragskraft des Weizens insbesondere durch Züchtung aber auch durch verbesserte Anbaumethoden mehr als verzehnfacht worden. Das zeigt sehr deutlich, dass die Rückkehr zu alten Sorten Hunger bedeuten würde. Ein nostalgischer Blick zurück macht die Menschen nicht satt. Moderne Pflanzenzüchtung ist mehr als Selektion und geschieht nicht nebenbei. Schon vor  über 150 Jahren wurden in Deutschland die ersten Unternehmen gegründet, die sich auf die Pflanzenzucht spezialisierten. Auf der Insel Poel bei uns in der Nachbarschaft ist der Sitz eines solchen Unternehmens, das führend in der Rapszucht ist. Auf dem kanadischen Markt ist dieses Unternehmen mit seinen gentechnisch veränderten Rapssorten erfolgreich. Pflanzenzüchter finanzieren ihr Unternehmen über den Verkauf zertifizierten Saatguts und Anbaugebühren. Sie sind die Inhaber von Sortenrechten, nicht die Landwirte, wie vielfach dargestellt wird.

Weltweit werden gentechnische Methoden in der Pflanzenzüchtung angewandt, Gene isoliert und in Pflanzen eingebaut. Dies wird in Deutschland und Teilen Europas mit großer Skepsis gesehen. Bei der Herstellung von Arzneimitteln, Vitaminen und Enzymen ist sie auch bei uns Stand der Technik. Gentechnik ist Alltag, auch wenn uns das vielfach nicht bewusst ist. Bei Soya, Baumwolle, Mais, Raps und Zuckerrübe steigen die Anbauflächen gentechnisch veränderter Sorten von Jahr zu Jahr. Indien ist es gelungen über die neuen Baumwollsorten armen Kleinbauern ein verbessertes Einkommen zu ermöglichen. Die Darstellung, dass der Anbau dieser Sorten die Selbsttötung von Bauern zur Folge hatte, ist längst als Lüge entlarvt, geistert aber immer noch umher. Zunehmend mehr Länder erkennen das Potential der Züchtungsmethode: In Brasilien wurde eine eigene Virusresistente Bohnensorte gezüchtet, der Goldene Reis zur Bekämpfung des Vitaminmangels wird hoffentlich im nächsten Jahr zum Anbau zur Verfügung stehen, die erste trockenheitsresistente Maissorte ist zugelassen, die gegen Krautfäule resistente Kartoffel steht vor der Zulassung. Angesichts der Notwendigkeit der nachhaltigen Ertragssteigerung ist jede neue gegen Schadorganismen resistente Pflanzensorte ein Gewinn für die Umwelt.
Die Aufgaben der Welternährung sind so groß, dass sie nur in Zusammenarbeit bewältigt werden können. Deswegen ist es gut, dass das Ministerium bei uns, das für diese Fragen zuständig ist, Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit heißt. Wir müssen Hilfe zur Selbsthilfe leisten, die Potentiale in den wenig entwickelten Ländern schöpfen. Dazu gehört in vielen Ländern, die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu stärken, denn sie haben eine zentrale Stellung bei der Versorgung der Familien. Wir müssen als Europäer die unsäglichen Exporterstattungen abschaffen, die in armen Ländern die Märkte verzerren und dort verhindern, dass die heimischen Bauern einen fairen Preis für ihre Produkte erzielen. Wir müssen unsere Märkte für Produkte aus armen Ländern öffnen. Nur so können sie das Geld verdienen, das sie zur Ernährung ihrer Bevölkerung brauchen. Wir müssen armen Ländern Anreize geben, in ihre ländliche Entwicklung zu investieren. Bei dem zuständigen Bundesminister Dirk Niebel stehen diese Ziele ganz oben auf der Agenda. Ein ganz wichtiger Schlüssel zur Bekämpfung von Armut und Hunger ist die Verbesserung der Regierungstätigkeit in den armen Ländern. Korrupte Regime haben kein Interesse an der Versorgung ihrer Bevölkerung, kein Interesse an der Bildung der Bevölkerung.
Ich habe die Bekämpfung des Hungers eine Herausforderung genannt, aber nicht gesagt, an wen sich die Herausforderung richtet. Absichtlich. Denn es gibt sehr viele Adressaten. Ein Adressat ist die Zivilgesellschaft, sind wir. Seien wir uns dieser Aufgabe bewusst. Gut gemeint, ist nicht gleich gut gemacht. Dafür gibt es viele Beispiele, der so genannte Welternährungsbericht ist eines davon. Er orientiert sich zu sehr an den Vorstellungen unserer Zivilgesellschaft statt an den Bedürfnissen der der Menschen in den armen Länder.

Irma Hildebrandt hat in ihrem Buch

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