Landwirtschaft

Montag, 19. September 2011
„Die moderne Agrarwirtschaft zwischen romantischer Verbrauchererwartung und den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts”

Vortrag auf der Agribusiness-Tagung 2011 der Akademie Deutscher Genossenschaften Montabaur, 19.09.2011

Die Bedeutung der Agrarwirtschaft für unser Gemeinwesen ist deutlich größer als dies von vielen Menschen angenommen wird. Auch ihr gesellschaftlicher Stellenwert ist mit den Herausforderungen, die sie zu bewältigen hat, gestiegen. Die Erfordernisse der Welternährung, die Produktion von Biomasse für die energetische Nutzung sowie von nachwachsenden Rohstoffen für eine nachhaltige Entwicklung sind Herausforderungen, deren Bewältigung eine globale Dimension hat. Die Geschehnisse in Nordafrika, das Erstarken der dortigen Freiheitsbewegungen haben dies gezeigt.

7 Milliarden Menschen leben auf der Erde. Immer noch sind eine Milliarde Menschen unterernährt und eine Milliarde Menschen mangelernährt. Eine halbe Million Kinder erblinden auf Grund von Vitamin-A-Mangel. Die pro Kopf zur Verfügung stehende landwirtschaftlich nutzbare Fläche ist seit 1950 auf etwa ein Drittel gesunken und wird auf Grund des Bevölkerungswachstums weiter sinken. Das bedeutet, dass nur eine Strategie der nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft die Aussicht bietet, diesen gewaltigen globalen Anforderungen gerecht zu werden. Der britische Regierungsreport „The Future of Food and Farming” vom Frühjahr diesen Jahres beschreibt eine solche erfolgversprechende Strategie, der Weltagrarbericht genügt dagegen diesen Anforderungen insgesamt nicht.
Die energetische Nutzung von Biomasse zur Gewinnung von Strom, Wärme und Biokraftstoffen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Gleichwohl bleibt die Lebensmittelproduktion erste Priorität. Das Gutachten des wissenschaftlichen Beirats des BMELV hat 2007 anhand der Kriterien Flächeneffizienz der Biomasseproduktion und Kosten der CO2-Vermeidung die großen Vorteile der Produktion von Holz in Kurzumtriebsplantagen (KUP) herausgestellt. Das Bundeswaldgesetz wurde entsprechend geändert, doch das novellierte EEG setzt dafür nur unzureichende Rahmenbedingungen. Angesichts der ehrgeizigen Ziele, die sich Deutschland zur Energiewende gestellt hat, müssen mehr Anreize im Sinne des Gutachtens des BMELV gesetzt werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass für Landwirte dabei das Problem auftritt, dass sie sich mit der Anlage von Kurzumtriebsplantagen über mehrere Jahre an eine bestimmte Produktion binden.
Die Bedeutung der Agrarwirtschaft ist weltweit im vergangenen Jahrzehnt nicht ausreichend gewürdigt worden. Dies ist gut erkennbar an den Zahlen der FAO, die zeigen, dass trotz wachsender Weltbevölkerung nicht ausreichend in die Agrarwirtschaft investiert wurde. Das hat dazu geführt, dass selbst Länder mit guten geografischen und klimatischen Bedingungen Lebensmittel importieren. Ein Beispiel ist Portugal, das 70% seiner Lebensmittel importiert. Die jetzige Bundesregierung hat die Bedeutung der Agrarwirtschaft für die Bewältigung der globalen Zukunftsaufgaben erkannt. Der Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dirk Niebel, sieht in der Stärkung der ländlichen Räume und damit auch der Landwirtschaft in den ärmsten Ländern der Erde eine entscheidende Strategie für die Bewältigung der Hungerprobleme. Dabei wird das Ziel verfolgt, dass mehr Länder über Ernährungssouveränität verfügen und dadurch von Lebensmittelimporten unabhängig werden.

Die Neuausrichtung der GAP muss diese globalen Herausforderungen berücksichtigen. Das Auslaufen der Exporterstattungen ist überfällig, die jetzt ins Gespräch gebrachte erneute faktische Flächenstilllegung von 7% dagegen ein Schritt in die falsche Richtung. Die FDP ist gegen die Kappung der Direktzahlungen, weil sie nahezu ausschließlich zu einer Minderung von Zahlungen an die Unternehmen in den neuen Bundesländern führen würde. Angesichts der besonderen Bedeutung des ländlichen Raums für diese Länder wäre dies eine fatale  Entwicklung. Die GAP muss die Weichen stellen für eine effiziente, unternehmerische Landwirtschaft, die langfristig von den Zahlungen aus Brüssel unabhängig wird. Sie muss Anreize geben zu größerer Effizienz und geringerer Umweltbelastung. Das Problem der Stickstoffausträge ist in Deutschland nicht gelöst. Es darf am Ende des Tages kein  bürokratisches Monstrum entstehen. Deswegen sieht die FDP das Greening in der ersten Säule skeptisch.

Deutschland verfügt nur über 4 Promille der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Daher liegen unsere Möglichkeiten zur Hilfestellung bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen insbesondere in  unseren wissenschaftlichen Leistungen: Den Leistungen in der Pflanzenzucht als Grundlage agrarischer Produktion, dem hohen Entwicklungsstand von Agrartechnik und Agrarforschung sowie dem guten Stand von Bildung und Ausbildung. Die gesellschaftliche Ächtung der biotechnologischen Pflanzenzüchtung, die weltweit inzwischen eine große Bedeutung gewonnen hat, ist ein besonderer Nachteil für Deutschland. Die sehr hohe Regelungsdichte, die allein durch die mangelnde Akzeptanz begründet ist und denen vergleichsweise geringe Risiken gegenüberstehen, verhindert, dass mittelständische Unternehmen in Europa diese Technik nutzen können. Dies führt zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Gleichzeitig können die Chancen dieser Technologie bei der Züchtung von Pflanzen, die gegenüber den verschiedenen Schadorganismen wie Insekten, Pilzen, Viren resistent sind und dadurch den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ermöglichen, nicht genutzt werden.
Die von der Agrarwirtschaft zu bewältigenden Aufgaben erfordern eine moderne effiziente Landwirtschaft. Dafür ist eine Intensivierung der Agrarforschung erforderlich. Die Bundesregierung hat mit der der deutlichen Erhöhung der Forschungsmittel dafür entscheidende Weichenstellungen vorgenommen. Die Empfehlungen des BioÖkonomieRats unterstützen das Konzept einer nachhaltigen Intensivierung. Im Mittelpunkt steht das Ziel, natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen, die notwendige Technik weiterzuentwickeln, durch Pflanzenzucht die genetischen Möglichkeiten der Pflanzen auszuschöpfen, die Verbesserung der Tiergesundheit durch Zucht und tiergerechte Haltung und Fütterung voran zu bringen.

Die moderne Landwirtschaft steht teilweise im Gegensatz zu den romantisierenden Vorstellungen vieler Verbraucherinnen und Verbraucher, die sich mit ihren Erwartungen am Bild einer Landwirtschaft aus dem vorvorigen Jahrhundert orientieren. Der Handel wirbt vielfach mit solchen Bildern für seine Produkte. Es ist paradox: Die Qualität unserer Nahrungsmittel ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen, doch gleichzeitig ist die Furcht der Menschen vor Schädigungen durch belastete Nahrungsmittel ebenfalls gewachsen. Verbraucherinnen und Verbraucher haben Ängste vor Belastungen der Nahrung mit Pflanzenschutzmitteln , denen keine realen Risiken gegenüberstehen. Gleichzeitig werden Gefahren, wie sie durch mangelnde Hygiene entstehen können, unterschätzt. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken ist sehr schwierig. Die meisten Menschen sind wenig vertraut mit den Gegebenheiten landwirtschaftlicher Produktion. Daher ist es leicht, Ängste zu schüren und Unsicherheit zu erzeugen. Dies wird unterstützt durch einen erheblichen Vertrauensverlust öffentlicher Institutionen. In dieser Situation gilt es, in einem offenen gesellschaftlichen Dialog, Gräben zu überwinden: Zwischen Stadt und Land, zwischen moderner Landwirtschaft und Ökolandwirtschaft. An einem solchen Dialog sollten sich alle beteiligen: Die Praxis, die Wissenschaft, die Politik, die interessierte Zivilgesellschaft. Voneinander gegenseitig zu lernen, Erfahrungen und Sichtweisen auszutauschen, hilft die Gräben zu überwinden.

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