Ernährung | Reden

Mittwoch, 19. Januar 2011
Rede auf dem Freiheitskongress „Zwischen Populismus und Aufklärung”

Sehr geehrter Herr Gerhardt, sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr über die gute Beteiligung an diesem Kongress. Offensichtlich hat das Thema Aufklärung, auch die Aufklärung von populären Irrtümern einen hohen Stellenwert. Das Schwimmen gegen den Strom öffentlicher Meinung mit dem Ziel, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen, ist inzwischen zu einer bedeutenden politischen Aufgabe geworden.

Ich bin Mitglied des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Professor Krämer hat in seinem Vortrag bereits mit zahlreichen Beispielen auf die Themen dieses Ausschusses Bezug genommen. Ganz offensichtlich neigt die Gesellschaft dazu, in Fragen von Landwirtschaft und Ernährung populären Thesen den Vorzug zu geben vor einer sachgerechten Abwägung. „Früher war alles besser” feiert fröhliche Urständ. Die Balance zu halten zwischen populärer Darstellung, die mit Vereinfachungen arbeiten darf, und der als Voraussetzung für Entscheidungen notwendigen fachlichen Differenzierung und unvoreingenommenen Bewertung, eine Form der Aufklärung, ist schwierig. Leider - auch das haben seine Beispiele deutlich gemacht - gerät die Aufklärung dabei oftmals ins Hintertreffen. Ich werde mich im Folgenden mit dem Thema Landwirtschaft beschäftigen - es ist in einer von der Landwirtschaft entfremdeten Gesellschaft Aufklärung notwendig - , mit der im Bereich der Ernährung sehr verzerrten Risikowahrnehmung der Verbraucherinnen und Verbraucher und mit einem Beispiel der verzerrten Risikowahrnehmung der Verbraucher: der Gentechnik, wie es im Programm angekündigt war.

In den „Lübecker Nachrichten”, meiner Heimatzeitung, war kurz vor Weihnachten zu lesen: „Vor 100 Jahren war die Landwirtschaft noch in Ordnung.” Das klingt sympathisch, es bestätigt das vielfach in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild von der guten Landwirtschaft in der guten alten Zeit. Aber ist das die ganze Wahrheit? Wie war die Realität damals? Vor hundert Jahren gab es in Deutschland doppelt so viele Rinder wie heute, es gab deutlich mehr, nämlich neunmal so viele Pferde - landwirtschaftliche Zugmaschinen hatten sich noch nicht durchgesetzt - und ungefähr gleich viele Schweine, weniger Geflügel, aber eine Menge Schafe. Jeder Klimaschützer von heute müsste ein Zurück zu einer solchen Landwirtschaft ablehnen. Weiterhin war der Mechanisierungsgrad in der Landwirtschaft niedrig und in der Folge gab es viele Unfälle, verbunden mit menschlichem Leid. Außerdem war Kinderarbeit weit verbreitet. Es gab keinen chemischen Pflanzenschutz, und das bedeutete: mehr natürliche Gifte in den Lebensmitteln. Gerade hat sich schon Professor Krämer mit dem verbreiteten Vorurteil auseinandergesetzt, natürliche Gifte seien nicht so gefährlich wie chemisch hergestellte Gifte. Genau das stimmt nicht: Sie sind vielfach deutlich giftiger als chemisch hergestellte Gifte. Vor diesem Hintergrund wird sehr deutlich: Die „Lübecker Nachrichten” irrten, als sie schrieben, vor hundert Jahren sei die Landwirtschaft noch in Ordnung gewesen. Die damalige technische Entwicklung erlaubte keine bessere Landwirtschaft. Heute können wir damit nicht zufrieden sein. Die in unserer Gesellschaft verbreitete nostalgische Betrachtung der landwirtschaftlichen Produktion lässt die in der Landwirtschaft mit modernen Methoden erzielten Fortschritte völlig außer Acht: Bessere Lebensmittel, weniger Unfälle, keine Kinderarbeit und dadurch ein hoher Bildungsstandard auch auf dem Land: Alles Vorzüge einer modernen Landwirtschaft, die niemand missen möchte.

Worüber machen sich die Verbraucherinnen und Verbraucher heute Sorgen? Die Verbraucherforschung in Deutschland und der Europäischen Union führt dazu regelmäßig Umfragen durch. Egal, welche Untersuchung man sich vornimmt, immer fällt auf, dass die Sorgen der Verbraucherinnen und Verbraucher hinsichtlich der Lebensmittel nur wenig Bezug haben zu tatsächlich bestehenden Risiken. Die Risikowahrnehmung ist völlig verzerrt, die Bedeutung der eigenverantwortlichen Entscheidungen wird unterschätzt. Ich will dafür einige Beispiele nennen. Von der EU wird in jedem Jahr das so genannte Eurobarometer durchgeführt, in dem die Verbraucherinnen und Verbraucher konkret nach den von ihnen wahrgenommenen Risiken befragt werden. Auf der Liste der Sorgen der Verbraucherinnen und Verbraucher stehen (2010) ganz oben die Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gefolgt von Hormonen, dem Gehalt an gentechnisch veränderten Organismen, das Klonen von Tieren, Schadstoffe allgemein, Gifte und bakterielle Infektionen.

Wenn wir uns aber die Risiken, mit denen die Verbraucherinnen und Verbraucher wirklich leben, einmal anschauen, dann müssen wir feststellen: Die Risiken, die die Verbraucherinnen und Verbraucher fürchten, sind für ihre Gesundheit weitgehend ohne jede Bedeutung. Für eine gesunde Lebensführung stellt nicht die Qualität der gekauften Produkte ein Risiko dar, sondern das eigene Verhalten. Das Risiko Nummer eins ist der Alkohol, das Risiko Nummer zwei das Rauchen (110 000 Todesfälle in jedem Jahr). In weitem Abstand folgen bakterielle Infektionen - im letzten Jahr vier Todesfälle. Die Ergebnisse des seit 1995 in jedem Jahr durchgeführten Lebensmittelmonitorings zeigen, dass mehr als 90% der Proben nur Spuren von Pflanzenschutzmittelrückständen enthielten und die Grenzwerte zu weniger als der Hälfte ausgeschöpft wurden. Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln wurden nicht beobachtet. Und dennoch geben Verbraucherinnen und Verbraucher an, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln bereiteten ihnen die größten Sorgen. Das ist eine krasse Fehleinschätzung. Von dieser Sorge kann man sie befreien.

Im Jahr 2002 hat Prof. v. Alvensleben ebenfalls eine Verbraucherbefragung durchgeführt. Die Liste der Sorgen unterscheidet sich von der aus dem Jahr 2010. An der Spitze stand damals die Sorge der Verbraucherinnen und Verbraucher vor Salmonellen in Eiern, gefolgt von Schimmelpilzgiften, Rauchen, BSE und ebenfalls Pflanzenschutzmittelrückständen. Es wird sehr deutlich, dass die damalige öffentliche Diskussion um Salmonellen und BSE Einfluss auf die Risikowahrnehmung gehabt hat. Nach der Einschätzung von Verbrauchern damals haben Rauchen und BSE dasselbe Gefährdungspotential. Auch dies ist eine extrem verzerrte Risikowahrnehmung. Es hat in Deutschland keine einzige Erkrankung an der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung gegeben, die möglicherweise durch den Verzehr von Fleisch von Tieren, die an BSE erkrankt sind, verursacht wird. Inzwischen ist BSE besiegt. Bei keinem nach 2001 geborenen Rind wurde in Deutschland BSE festgestellt.

Ein weiteres Beispiel für die verzerrte Risikowahrnehmung der Verbraucherinnen und Verbraucher ist die Unterschätzung der Risiken durch mangelnde Hygiene bei gleichzeitiger Überschätzung der Risiken durch unerwünschte Beimengungen in den Lebensmitteln wie zum Beispiel Dioxin: Im vergangenen Jahr sind sieben Menschen, fünf in Österreich und zwei in Deutschland an einer Infektion mit Listerien gestorben, die durch den Verzehr eines mit Listerien kontaminierten Käses aus Österreich verursacht wurde. Diese Todesfälle hatten keinerlei mediale Aufmerksamkeit, obwohl es die einzigen Vorfälle waren, bei denen Menschen auf Grund des Verzehrs von Lebensmitteln, in diesem Fall kontaminiertem Käse, zu Schaden gekommen sind.

Worin liegen die Ursachen für diese verzerrte Risikowahrnehmung der Verbraucherinnen und Verbraucher? Wer ist verantwortlich? Sind es die Medien, die Politik, die Verbände? Oder ist es das Zusammenwirken aller?

Es ist offensichtlich, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher Risiken akzeptieren und ihnen gleichzeitig keine große Bedeutung beimessen, wenn diese in ihrer eigenen Verantwortung liegen. Gesundheitliche Schäden durch Alkohol und Rauchen sind fast kein Thema. Sie werden erst wahrgenommen, wenn Jugendliche über die Stränge schlagen, das negative Vorbild der Erwachsenen bleibt dagegen ohne Beachtung.

Das Vertrauen der Menschen, zuverlässig über etwaige Risiken in Lebensmitteln zu informieren, haben in Deutschland, so eine Umfrage der EFSA, der Europäischen Behörde für die Lebensmittelsicherheit, die Verbraucherverbände (83%), die Umweltverbände (81%), Fachleute des Gesundheitswesens (76%), Medien (67%) und Wissenschaftler (65%). Andere Institutionen überzeugen weniger als zwei Drittel der Bevölkerung. Die beschriebene verzerrte Risikowahrnehmung ist zumindest teilweise Ergebnis der Öffentlichkeitsarbeit von Verbänden dieser Kategorien. Es fällt auf, dass unter den Einrichtungen, die das Vertrauen von mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung haben, keine der Institutionen zu finden ist, die auf nationaler oder europäischer Ebene die Verantwortung für die Sicherheit der Lebensmittel tragen wie das BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel) oder das BfR (Bundesamt für Risikobewertung). Das ist zum einen eine gute Nachricht: Behörden sind nicht Verursacher der verzerrten Risikowahrnehmung und es ist gleichzeitig auch eine schlechte Nachricht: Es gelingt den Behörden nicht, die Meinungsbildung zur Lebensmittelsicherheit maßgeblich zu beeinflussen.

Durch eine verzerrte Risikowahrnehmung werden Menschen irregeleitet. Sie werden dazu motiviert, entgegen den eigenen existentiellen Interessen zu handeln. Wer zum Beispiel die Hygiene als nachrangig im Vergleich zu Rückständen von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln betrachtet, unterliegt einem Irrtum, der ernsthafte Folgen haben kann. Hände waschen ist wichtig, auch wenn das etwas hausbacken klingt, weil uns schon unsere Großmütter dazu ermahnt haben. Ich will herausstellen: Es gehört gerade zur Verantwortung der Verbände mit einem großen Einfluss auf die Meinungsbildung, den Menschen dabei zu helfen, Risiken richtig einzuschätzen. Es ist deutlich erkennbar, dass sie dies nicht tun, sondern ihre Öffentlichkeitsarbeit unter die Verfolgung anderer Ziele stellen. Sie bestärken eher Vorurteile statt der Aufklärung zu dienen.

Ein Beispiel dafür war der Umgang bestimmter Verbände mit dem Thema Dioxine, das uns Anfang 2011 in besonderer Weise beschäftigt hat. In Futtermitteln wurde ein erhöhter Gehalt an Dioxinen festgestellt. Nach jetziger Kenntnis ist davon auszugehen, dass ein Lieferant Fettsäuren mit einem für Lebens- und Futtermittel überhöhten Gehalt an Dioxinen an insgesamt 25 Futtermittelhersteller in fünf Bundesländern verkauft hat, die die Fettsäuren in Futtermittel gemischt haben. In der Folge sind nahezu 5000 landwirtschaftliche Betriebe gesperrt worden, Eier wurden unverkäuflich, die Schweinepreise sanken ins Bodenlose. Die gesundheitliche Belastung für die Verbraucherinnen und Verbraucher war dagegen höchstens marginal. Die durch die Meldungen über die Dioxinfunde verursachte

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