Abgeordnetenwatch | Ernährung

Donnerstag, 4. November 2010
Antwort zu einer Abgeordnetenwatch-Frage. Thema: Künstliche Aromen und chemische Süßstoffe, vor allem in Kindernahrung

Frage Sehr geehrte Frau Dr.Christel Happach-Kasan,

Vorweg:
Ich stelle diese Frage an alle Parteien:

Wie bewerten Sie als Vertreterin der FDP und als Biologin die Ausuferung und den Einsatz von künstlich erzeugten Aromen und chemischen Süssstoffen in Nahrungsmittel, vor allen in Kinderrnahrung, die nachweislich zu Krebserkrankungen und anderen Krankheitsarten führen können. Was gedenken Sie und ihre Partei sowohl in Deutschland als auch Europaweit dagegen zu unternehmen?
Sind Sie nicht auch der Meinung dass die Gesundheit des Körpers und des Geistes und somit des Volkes bei der Nahrung anfängt. Wie sollen sich Menschen deren Einkommen unter dem Bundesdurchschnitt liegt, mit ihrem Geld vernünftig ernähren können. Ein aromatisiertes mit Süssstoff erzeugtes Gemisch aus Wasser und künstlich erzeugten Pülverchen wird zusätzlich mit Kohlensäure versetzt und dann für teures Geld verkauft, obwohl die Nährmittelwirkung gleich Null ist.
Sollen wir auf dieser Weise von den Nahrungsmittelkonzernen langfristig vergiftet werden ?

Früher galt für Brunnenvergifter die Todesstrafe. Heute machen wir aus Wasser und Chemie eine krankmachende Brühe, für die auch noch Geld bezahlt werden muss und die Hersteller dieses Gebräus verdienen Millionen und machen sich um die Volksgesundheit keine Gedanken !

In Erwartung ihrer Antwort
verbleibe ich

M.f.G.

Antwort Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihre Frage zum Thema Ernährung, Lebensmittelzusatzstoffe und Lebensmitteltechnologie.
Die Ernährung ist zu einem wichtigen Thema geworden. Die Qualität unserer Lebensmittel ist gut.

Zu einer gesunden Ernährung gehört allerdings nicht nur eine gute Qualität der Lebensmittel sondern auch eine ausgewogene Auswahl der Lebensmittel. Das Ernährungswissen ist allerdings in den letzten Jahren in vielen Teilen der Bevölkerung geringer geworden.

Es gibt inzwischen Lebensmittel, die mit gesundheitlichen Wirkungen werben. Die EU hat mit der so genannten "Health Claims Verordnung" 1924/2006 sehr strenge Regeln für die Verwendung gesundheitsbezogener Aussagen aufgestellt. Das ist gut, denn Lebensmittel sind keine Arzneimittel. In der Werbung eine gesundheitliche Wirkung zu suggerieren, die gar nicht zutrifft, ist Verbrauchertäuschung.

Im deutschen und europäischen Lebensmittelrecht hat die Sicherheit der Verbraucherinnen und Verbraucher einen sehr hohen Stellenwert. Grundsätzlich haben alle Regeln das Ziel, dass Lebensmittel so sicher und gesund wie möglich sind. Auf EU-Ebene befassen sich die EU-Verordnungen 1332/2008, 1333/2008 und 1334/2008 mit der Zulassung, Überprüfung und Kontrolle von Lebensmittel-Zusatzstoffen, Aromen und Enzymen [1].

In Deutschland ist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dafür zuständig, neue Inhalts- und Zusatzstoffe oder alte Stoffe im Licht neuen Wissens auf ihr Gefährdungspotential zu überprüfen. Es arbeitet hierbei sehr eng mit der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zusammen. Alle Zusatzstoffe, Aromen und Enzyme, die in Lebensmitteln verwendet werden oder verwendet werden sollen, müssen dort angemeldet und auf ihre Unbedenklichkeit getestet werden. Es sind auf gesamteuropäischer Ebene Zusatzstoffe nur erlaubt, wenn sie ausdrücklich in den oben angeführten Verordnungen genehmigt werden. Zusätzlich überwachen das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit als Bundesbehörde und die Landesämter für Verbraucherschutz/Lebensmittelsicherheit mit Kontrollen, dass die Vorschriften in Deutschland eingehalten werden.

Säuglings- und Babynahrung ist in Europa besonders strengen Regelungen unterworfen. Die Richtlinie 2006/141/EG bestimmt genau, welche Bestandteile in welcher Konzentration enthalten sein dürfen. Süßstoffe, Konservierungs- und Farbstoffe sowie künstliche Aromen sind nicht erlaubt. Es besteht keine Gefahr, dass Babys durch Säuglingsnahrung gesundheitlichen Risiken ausgesetzt wären.

Das Bedürfnis nach süßen Lebensmitteln ist dem Menschen wie auch anderen Säugetieren angeboren. Mit dem Süßen von Lebensmitteln durch Süßstoffe kann die mit dem Verzehr von Zucker einhergehende Aufnahme von energiereicher Nahrung vermieden werden. Die von Ihnen beschriebene Zunahme von Lebensmitteln, die mit Süßstoffen gesüßt sind, ist sicher darauf zurückzuführen, dass viele Menschen damit ihre Kalorienaufnahme verringern wollen, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Eine interessante Übersicht über gängige Süßstoffe war in der letzten Ausgabe der Zeitschrift "test" der Stiftung Warentest abgedruckt. Unter der Überschrift "Zucker - Besser zurückhalten" wurden die Vor- und Nachteile von Süßstoffen und verschiedenen Zuckern sehr informativ dargestellt [2]. Eine erhöhte Krebsgefahr kann bei den Süßstoffen, wie Aspartam, nach neueren Studien nicht festgestellt werden. Das Bundesamt für Risikobewertung hat 2003 eine Bewertung der zugelassenen Süßstoffe veröffentlicht [3].

Zuckerfreie Lebensmittel oder Energy Drinks sind gesundheitlich unbedenklich.

Das bedeutet nicht, dass sie empfehlenswert sind. Wie jeder Einzelne seinen Durst löscht, ist ihm überlassen. Ich selbst trinke lieber ein Glas Apfeldirektsaft oder Wasser. Aber wenn es Menschen gibt, die diese Getränke mögen und, nach dem sie die Zutatenliste gelesen haben, zu sich nehmen möchten, sollen sie das nach liberaler Auffassung tun dürfen. In Deutschland und der EU vertriebene Lebensmittel sind sicher. Dies entbindet aber jeden Einzelnen nicht davon, bei der Wahl der Lebensmittel eigenverantwortlich zu handeln. Als Verbraucher können wir uns bei den Herstellern selbst nach Informationen erkundigen, oder wir nutzen das Angebot von Online-Portalen um mehr über unsere Nahrungsmittel herauszufinden, zum Beispiel die Internetseite "was wir essen", betreut vom aid Infodienst e.V. [4]. Hier findet man interessante Informationen zu Lebensmitteln, Lagerung, Ernährungstipps und andere nützliche Dinge.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine ausgewogene Ernährung, nicht zuviel Salz, Kohlenhydrate oder Fett, mindestens fünfmal Obst oder Gemüse am Tag.

Oftmals werde ich gefragt, soll man essen, was schmeckt, oder soll man essen, was gesund ist. Ich sehe da keinen Widerspruch. Nichts ist gesund, nur weil es nicht schmeckt. Im Gegenteil, Freude über ein gutes Essen stärkt das Wohlbefinden, ist also gesund. Dafür sollte man sich auch genügend Zeit nehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Christel Happach-Kasan

[1] ec.europa.eu
[2] www.test.de
[3] www.bfr.bund.de
[4] www.was-wir-essen.de

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