Ernährung

Mittwoch, 8. April 2009
Abgeordnetenwatch-Frage zum Thema Lebensmittelkennzeichnung

Frage

Verehrte Frau Dr. Happach-Kasan,
Schlechte und unvollkommene Markierung auf Lebensmittlen führt immer wieder zu erheblichen Gesundheitsproblemen -- Eis-Tee für Säuglinge um nur 1 Beispiel zu nennen. (vor einigen Jahren)
Warum kann man nicht eine übersichtliche Kennzeichnung, wie z.B. in England (bekannt duruch regelmäßige Reisen) einführen, die schnell, deutlich und klar ist.
FDP, so Ihr Vorsitzender, steht für Mittelstand, die großen Nahrungsmittelkonzerne die das ablehnen, gehören bestimmt nicht dazu.

Hier meine kurze Frage zu diesem Thema: warum keine einfache, übersichtliche Markierung?
Es grüsst Sie, ein besorgter Grossvater

 

Antwort

Sehr geehrter Herr ,

an die Probleme mit den gesüßten Tees für Kleinkinder erinnere ich mich sehr gut und auch an einige Spielkameraden meiner Tochter, deren Milchzähne von Karies zerstört waren. In abgeschwächter Form ist das Auftreten von Milchzahnkaries noch immer ein Problem. Ursache sind gesüßte Tees, aber auch Fruchtsäfte und Erfrischungsgetränke, die von Kleinkindern den ganzen Tag über aus Nuckelflaschen oder Trinklerntassen gegeben werden. Nicht nur die Inhaltsstoffe der Getränke sondern auch die Tatsache, dass die Zähne fast fortwährend von diesen Flüssigkeiten umspült sind, ist das Problem. Der Speichel wird durch die Getränke verdünnt und kann dadurch seine natürliche Funktion in der Zahngesundheit nicht ausüben. Nach meiner Vorstellung sollte das Thema Vorbeugung von Milchzahnkaries bei den kostenlosen Früherkennungs-Untersuchungen U1 bis U9 von den Kinderärzten angesprochen werden. Die gezielte Beratung der Eltern ist die wichtigste Vorsorgemaßnahme.

Das Beispiel zeigt, dass eine Nährwertkennzeichnung, insbesondere die bewertende Nährwertkennzeichnung, wie sie von einigen Unternehmen in Großbritannien als "Ampel" durchgeführt wurde, (roter Punkt für nicht empfehlenswert, grüner Punkt für empfehlenswert, gelber Punkt für neutral) die bestehenden Probleme der Fehlernährung nicht lösen kann: Ein Fruchtsaft würde nach der in Großbritannien von einigen Unternehmen durchgeführten Nährwertkennzeichnung mit der "Ampel" einen grünen Punkt erhalten, der grüne Punkt als Symbol für die Aussage empfehlenswert. Doch auch Fruchtsaft trägt zum Entstehen von Milchzahnkaries bei, ist also nicht uneingeschränkt empfehlenswert.

Zurzeit ist in der EU die Nährwertkennzeichnung freiwillig. In Deutschland wird darum gestritten, in welcher Form sie durchgeführt werden soll. Als FDP treten wir für eine übersichtliche Kennzeichnung ein, die die Verbraucherinnen und Verbraucher darüber informiert, welchen Brennwert (Angabe der Kalorien), welchen Gehalt an Proteinen, Fetten, Zucker und gegebenenfalls ungesättigten Fettsäuren ein Produkt hat. Die Angaben müssen auf die Portion, bzw. auf 100 g bezogen werden, damit die Vergleichbarkeit verschiedener Lebensmittel gegeben ist. Eine Bewertung dieser Angaben durch einen grünen, roten oder gelben Punkt halten wir für falsch.

Ich will dafür zwei Gründe nennen:

1. Welche Lebensmittel für den einzelnen Menschen empfehlenswert sind und welche nicht, ist unter anderem auch von der persönlichen Situation abhängig. Für körperlich schwer arbeitende Menschen, für Sportler sind andere Lebensmittel empfehlenswert als für Menschen, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und abends nur eine kleine Runde mit ihrem Hund drehen. Hoher Gehalt eines Lebensmittels an Fett oder Zucker wird mit einem roten Punkt belegt. Das ist die richtige Empfehlung für einen Menschen mit sitzender Tätigkeit, nicht jedoch für einen körperlich schwer arbeitenden Menschen. Er wird durch solche rote Punkte falsch informiert.

2. Die Verkehrsampel gibt eindeutige Verhaltensvorschriften: Bei grün kann man gehen, bei rot muss man stehen bleiben. Eine Tüte Kartoffelchips würde einen roten Punkt wegen des hohen Fettgehalts erhalten und einen grünen Punkt, weil kein Zucker enthalten ist. Die beiden Empfehlungen widersprechen sich. Deshalb ist die Ampel für eine Nährwertkennzeichnung, die informiert, nicht geeignet.

In Großbritannien wurde die Ampelkennzeichnung ausprobiert – bei verschiedenen Herstellern und Lebensmittelketten. Die Kette "Tesco" hat die Ampel im April 2004 getestet (www.tesco.uk.com). Eines der Ergebnisse dort war, dass die Verbraucher die Farbe rot als Verbot interpretierten. Verwirrung gab es bei verschiedenen Produkten, und zwar in den Fällen, in denen gleichzeitig ein grüner, gelber und ein roter Punkt auf der Packung stand. Beispielsweise bei aktuellen Knabberprodukten. Fett bekommt da vielfach rot, was auch jeder weiß, der eine Tüte Chips isst. Zucker hingegen ist da nicht drin: dafür gibt es einen grünen Punkt. Und für Salz einen gelben Punkt. Auch aus diesem Grund hat diese Lebensmittelkette nach der Probephase die Ampelkennzeichnung nicht fortgeführt, sondern setzt nun auf Nährwertangaben für den Tagesverbrauch.

In Deutschland belegen verschiedene statistische Angaben, dass immer mehr Menschen Übergewicht haben. Wir wissen, dass die Menschen nicht mehr essen, dass sie sich aber weniger bewegen. Gleichzeitig treten bei jungen Mädchen vermehrt Essstörungen auf. Beide Erscheinungen haben miteinander zu tun, sind Ausdruck unserer Gesellschaft. Nur eine informative Nährwertkennzeichnung ohne Bevormundung kann den Lebenssituationen aller Verbraucherinnen und Verbraucher gerecht werden. Deshalb lehnen wir eine bewertende Nährwertkennzeichnung ab.

Mit freundlichen Grüßen
Christel Happach-Kasan

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