Ernährung

Montag, 4. August 2008
Abgeordnetenwatch-Frage zum Thema Bienensterben

Frage

Sehr geehrte Frau Happach-Kasan,

die Honigbienen sterben in Baden, Bayern, Sachsen, Schleswig-Holstein - deutschlandweit werden die Bienen schwächer und schwächer. Die Imker haben eine Verbindung zu Pestiziden aufgezeigt, dort vor allem den Neonikotinoiden.

In Frankreich, Slowenien, Italien und anderen Ländern ist ebenfalls eine direkte Verbindung zu Pestiziden herzustellen.

Die Imker sind sicher, daß die heutigen Zulassungsverfahren nicht mehr zeitgemäß sind und viel zu viele Pestizide freigegeben werden, die augenscheinlich umweltschädlich sind. Es besteht unmittelbare Gefahr für den Naturhaushalt. Die Folgen für die Lebensmittelsicherheit und dem Schutz des Verbrauchers sind noch garnicht abzusehen. Der Wirkstoff Clothianidin wurde in der Schweiz im Salat aus Italien nachgewiesen.

Konkret erkannte Mängel der Zulassungsverfahren und deren Verbesserungen sind bereits zusammengestellt - kontaktieren Sie mich unter der unten angegebenen Adresse, wenn Sie mehr darüber erfahren wollen.
Meine Frage an Sie - was können Sie für uns tun, um den Schutz der Honigbiene, den Schutz des Naturhaushaltes, Schutz der Lebensmittelsicherheit und den Schutz des Verbrauchers zu verbessern?

Viele Grüße und Danke im voraus,

-

 

Antwort

Sehr geehrter Herr -,

vielen Dank für Ihren Brief und Ihr Angebot, mir weitere Informationen zur Verfügung zu stellen. Darauf komme ich gern zurück.

Der Schutz unserer Bienen ist vielen Menschen ein Anliegen. Bienen genießen eine hohe Wertschätzung. Wir brauchen sie zur Bestäubung der insektenblütigen Pflanzen und zur Produktion von Honig.

Für den Schutz der Bienen ist es entscheidend, dass wir genau wissen, was sie gefährdet. Nur eine sorgfältige naturwissenschaftliche Ursachenforschung ermöglicht es, die Gefahren für Bienen zu erkennen und sie möglichst weitgehend abzustellen.

Sie sehen insbesondere in Pflanzenschutzmitteln sowie der Zahl der zugelassenen Pflanzenschutzmittel das wesentliche Gefährdungspotential für Bienen. Landwirtschaft und Gartenbau beklagen dagegen, dass die Zahl der zugelassenen Wirkstoffe zu gering sei, bestimmte Kulturen in Deutschland deshalb nicht möglich seien. Wo liegt die Wahrheit? Die Bundesregierung unterstützt diese Darstellung und hat mir mitgeteilt, dass für viele Anwendungsgebiete nur wenige oder keine Insektizide zur Verfügung stehen (1).

Pflanzenschutzmittel mit insektizider Wirkung gefährden potentiell auch Bienen, denn Bienen sind Insekten. Der totale Verzicht auf bienengefährdende Pflanzenschutzmittel mag Imkern als wünschenswert erscheinen, wäre gleichwohl aber unverhältnismäßig, denn Pflanzenschutzmittel sind für die Produktion gesunder Lebens- und Futtermittel notwendig. Es muss vielmehr durch die Methodik der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit bienengefährdendem Potential sicher ausgeschlossen werden, dass Bienen sowie andere Nichtzielorganismen gefährdet werden. Dabei sind in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte erzielt worden, wie die Statistik der Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft zeigt: Die Anzahl der gemeldeten Bienenschäden ist seit 1960 auf unter 80 zurückgegangen gegenüber über 350 im Schnitt der siebziger Jahre (2).

Insbesondere die Saatgutbeizung ist eine sinnvolle Pflanzenschutzmaßnahme, auch wenn es in diesem Frühjahr (s. u.) erhebliche Probleme gegeben hat. Das Gefährdungspotential für Nichtzielorganismen ist bei Saatgutbeizung geringer als beim Sprühen von Insektiziden. Mit Beizmitteln können Pflanzen bereits beim Keimen vor Schädlingsbefall (Pilz- oder Insektenbefall) geschützt werden. Die benötigten Mengen sind vergleichsweise gering, dadurch wird die Umwelt gering belastet, die Wirkung ist hoch und der Geldbeutel der Landwirte wird geschont.

Varroose:

Fehler beim Pflanzenschutzmitteleinsatz sind nicht die einzigen Gefährdungen für Bienen und nicht einmal die wesentlichen. Insbesondere der Befall der Völker mit der Varroa-Milbe, einem Ektoparasiten, der sich von der Körperflüssigkeit der Bienen sowie der Larven und Puppen ernährt, schädigt die Völker sehr und ist verantwortlich für hohe Überwinterungsverluste und die Schwächung der Vitalität der Bienen. Der Parasit mit dem kennzeichnenden Namen Varroa destructor (zerstörerische Milbe) ist 1977 durch Bienen-Importe zu Forschungszwecken aus Asien nach Deutschland gelangt. Er ist perfekt an das Leben im Bienenstock angepasst. Die Milben sind schwer zu bekämpfen, u. a. weil sie in der gedeckelten Bienenbrut und somit nicht zugänglich für Bekämpfungsmaßnahmen heranwachsen. Die Überwinterungsverluste nach dem Winter 2002/3 waren insbesondere auf den Befall durch die Varroa-Milbe zurückzuführen. Die von der Milbe verursachten Verletzungen der Biene fördern das Eindringen von Viren. Dr. Wolfgang Ritter berichtet, dass in diesem Frühjahr in 90 % der verlassenen Beuten Bienen mit teilweise sehr starkem Varroa-Milben-Befall gefunden wurden (3), die Hälfte wies zusätzlich einen Befall mit Viren auf.

Es ist für den Schutz der Bienen wenig hilfreich, ihre enorme Gefährdung durch die parasitierende Varroa-Milbe klein zu reden und ihre Gefährdung ausschließlich dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zuzuschreiben. Die größte Gefährdung der Bienen muss mit höchster Priorität bekämpft werden. Auf Grund der Gefährdung der Bienenvölker durch die parasitische Varroa-Milbe fördert die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ein über drei Jahre laufendes Verbundprojekt zur Verbesserung der imkerlichen Betriebsweisen, um eine bessere Varroa-Bekämpfung zu etablieren und so die Imker vor Völkerverlusten zu schützen.

Bienenverluste in Südwestdeutschland im Frühjahr:

In Südwestdeutschland sind in diesem Frühjahr etwa 11 000 Bienenvölker (Information des Julius Kühn-Institut) teilweise schwer geschädigt worden. Die Ursachen sind erforscht. Die Untersuchungen der Bienen erfolgte durch das JKI. Mit Clothianidin gebeiztes Maissaatgut enthielt Staub, der mit dem Beizmittel versetzt war. Das Beizmittel war nicht ausreichend abriebfest, so dass aus den pneumatischen Sämaschinen Staub mit einem hohen Gehalt an Beizmittel in die Umwelt verweht wurde. Dadurch ist es auf blühende Pflanzen gelangt, die von Bienen besucht wurden. Das Ergebnis war fürchterlich. Die Herstellerfirma des Pflanzenschutzmittels hat freiwillig einen Schadensersatz von 2 Mio. € angeboten.

Unabhängig vom Schadensersatz darf dieser Vorfall nicht folgenlos bleiben. Es muss bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln die konkrete Art ihrer Anwendung, die Abriebfestigkeit, die Technik der Sämaschinen einbezogen werden. Das bedeutet im konkreten Fall, es muss durch Auflagen bei der Zulassung sichergestellt werden, dass Saatgutbeizmittel, die ausschließlich für die Anwendung unter der Erde konzipiert sind, nicht an die Erdoberfläche gelangen können. Bei der Anwendung des Beizmittels für Raps haben sich keine Probleme ergeben.

Maiswurzelbohrer:

Im vergangenen Jahr ist in Deutschland erstmalig der westliche Maiswurzelbohrer beobachtet worden. Dieser Käfer verursacht in den USA Schäden in Höhe von etwa 1 Milliarde $ pro Jahr (4). Durch ihn wird der höchste Insektizideinsatz aller im Ackerbau eingesetzter Insektizide verursacht(5). Nach Schätzungen des Julius-Kühn-Instituts drohen bei Etablierung des Käfers in den Mais-Dauerkulturen in Bayern und Baden-Württemberg Ernteausfälle im Wert von 44,5 Mio. €, Kosten für Insektizide, um sie zu verhindern, von 12,5 Mio. €. Zum Vergleich: Ernteausfälle durch den Maiszünsler in 2006 betrugen 11 Mio. €.

Die EU hat 2003 Quarantänemaßnahmen zur Verhinderung der weiteren Verbreitung des Käfers beschlossen. Sein Vordringen nördlich der Alpen soll verhindert werden. Dies ist auch im Interesse der Imkerei, denn eine Etablierung des Käfers bei uns würde den Pflanzenschutzmitteleinsatz deutlich erhöhen. Gegen den Käfer resistente gentechnisch veränderte Bt-Mais-Sorten sind bisher in Europa nicht zugelassen. Ihr Anbau könnte den Pflanzenschutzmitteleinsatz vermindern.

Die Forderung nach Einführung einer Fruchtfolge beim Maisanbau ist sinnvoll, aber kurzfristig nicht durchführbar, weil in verschiedenen Regionen (in Niedersachsen, Nord-Rhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg) die Landwirtschaft auf Mais-Dauerkulturen angewiesen ist (Tierhaltung, Betrieb von Biogasanlagen).

Zur Bekämpfung des Maiswurzelbohrers wurde insbesondere in den Befalls- und Sicherheitszonen Saatgut ausgesät, das mit Clothianidin in erhöhter Konzentration behandelt worden war. Die Maiswurzelbohrer überdauern den Winter im Boden, im Frühjahr schlüpfen die Käfermaden und kriechen etwa einen halben Meter auf der Suche nach einem Maiskeimling. Gebeiztes Saatgut schützt die Pflanzen vor Schadorganismen. Trotz der Verwendung von gebeiztem Saatgut sind in den Befallsregionen des vergangenen Jahres wiederum Käfer in den Pheromonfallen gefunden worden.

Bienen-Monitoring:

Nach den großen Überwinterungsverlusten 2002/3 wurde in Deutschland auf Grund des starken Befalls mit der Varroa-Milbe 2004 das Bienen-Monitoring initiiert. Es werden von Imkern freiwillig gemeldete Bienenvölker das ganze Jahr über beobachtet, Überwinterungsverluste notiert, der Befall mit Parasiten und Krankheitserregern wird untersucht und die Trachtmenge ermittelt. Etwa 120 Imker mit insgesamt über 7 000 Völkern beteiligen sich an dem Projekt. Der erste Monitoringbericht zeigt eine Karte der Standorte der beteiligten Imkereien. Mit Ausnahme von Schleswig-Holstein sind alle Flächenländer beteiligt. Das Monitoring wird finanziert von der Pflanzenschutzmittelindustrie, den Bieneninstituten und den Imkerverbänden. Die Durchführung erfolgt durch die Bieneninstitute (6). Es liegen drei Berichte des Bienen-Monitorings vor:

Ergebnisse:
2004/5: Überwinterungsverluste: 8%, Honigertrag 2005: 39,5 kg Honig pro Volk
2005/6: Überwinterungsverluste: 13%, Honigertrag 2006: 49 kg Honig pro Volk
2006/7: Überwinterungsverluste: 11%.
Die Ergebnisse für 2007/2008 liegen noch nicht vor. Es werden deutlich höhere Überwinterungsverluste erwartet.

Die bisherigen Zahlen zeigen keine dramatische Verschlechterung der Situation der Bienen. Die Überwinterungsverluste der letzten 10 Jahre zeigen erhebliche Schwankungen, die nach Auswertungen des Bieneninstituts Mayen in den letzten 10 Jahren zwischen 9 % und 26 % lagen. (7). Zum Vergleich: In den USA lagen die Bienenvolkverluste 2006/7 bei 31% und 2007/8 bei 38% (8).

Das Bienen-Monitoring hat bisher keine negativen Einflüsse der Saatgutbeizung durch Neonicotinoide für die Gesundheit der Bienen festgestellt. Immerhin wurden in den vergangenen Jahren Mais und Raps, deren Samen zumeist gebeizt wird, auf zusammen über 3 Millionen Hektar Fläche ausgesät (in 2008 1,8 Mio. Hektar Mais). In Frankreich ist das Neonicotinoid Imidacloprid seit 1999 verboten. Eine Verbesserung der Bienengesundheit wurde gleichwohl nicht beobachtet. In Deutschland wurden seit 1998 Proben mit Verdacht der Kontamination mit Imidacloprid untersucht, alle Proben waren negativ. Die Untersuchungsergebnisse aus der Praxis haben die Einstufung der Beizung mit Imidacloprid als bienenungefährlich bestätigt (siehe S. 21 in (2)).

Colony Collapse Disorder:

In der Diskussion um die Bienenvolkverluste im vergangenen Frühjahr in den USA (CCD - Colony collapse disorder) sind sehr schnell viele von verschiedenen Interessengruppen als politisch erwünscht betrachtete Ursachen genannt worden. Dazu gehörten die Handystrahlung oder der Anbau von Bt-Sorten (Mais und Baumwolle). Diese Spekulationen haben sich nicht bewahrheitet. Sie haben sich als völlig falsch erwiesen.

In einem Interview (10. Juni 2008) hat Prof. Maryann Frazier von der Pennsylvania State University, Mitglied der "working group on CCD" insbesondere drei Gründe für das Bienensterben in den USA herausgestellt (9):
1. Virusbefall, Israeli Acute Paralysis Virus (IAPV) eingetragen durch australische Bienenimporte,
2. Insektizide, insbesondere aus der Varroa-Bekämpfung,
3. Mangelhafte Ernährung

In der Anhörung im Agrarausschuss des Repräsentantenhauses der USA am 26. Juni hat Maryann Frazier nähere Ausführungen gemacht (8): In allen Proben (Pollen, Wachs) wurden gefunden: Fluvalinat, ein Insektizid, das gegen Milben (Varroa) eingesetzt wird, und Coumaphos, ein Insektizid, das in der Haustierhaltung gegen Ektoparasiten eingesetzt wird - beides sind keine Pflanzenschutzmittel. Häufig wurden außerdem Chlorthalonil, ein Fungizid, und Chlorpyrifos, ein Insektizid gefunden. Maryann Frazier empfiehlt den amerikanischen Imkern auf Grund ihrer Analysen, möglichst weitgehend bei der Bekämpfung der Varroa-Milbe auf die gefundenen Insektizide zu verzichten und ihre Völker mit weniger bienengefährlichen Bekämpfungsmethoden gegen den Befall durch die Varroa-Milbe zu schützen.

Sowohl in den USA als auch in Europa sind die wesentlichen Bienenvolkverluste auf den Befall der Völker mit der Varroa-Milbe sowie auf Maßnahmen zu deren Bekämpfung zurückzuführen. Die Virusinfektionen sind Sekundärinfektionen, die durch den Varroa-Befall begünstigt werden. Andere mögliche Ursachen sind von untergeordneter Bedeutung. Daher muss die Entwicklung von Maßnahmen zur effektiven Bekämpfung der Varroose höchste Priorität haben, um die Bienenvölker zu schützen, die Vitalität der Bienen zu erhalten.

Folgerungen:

1. Fortsetzung des Bienen-Monitorings als wissenschaftliche Grundlage für Entscheidungen zum Schutz der Bienen.
2. Einbeziehung weiterer Fragestellungen in das Bienen-Monitoring.
3. Entwicklung effektiver Verfahren zur Varroa-Bekämpfung und konsequente Bekämpfung der Varroose durch alle Imker, Verbesserung der Imkerberatung.
4. Überprüfung der Zulassungsverfahren von Insektiziden mit dem Ziel, die Methodik der Anwendung bienengefährdender Pflanzenschutzmittel auf die sichere Vermeidung der Gefährdung von Bienen und anderen Nichtzielorganismen auszurichten.
5. Einführung von Qualitätskontrollen für gebeiztes Saatgut.
6. Bekämpfung des Vordringens des Maiswurzelbohrers, um seine Etablierung nördlich der Alpen zu verhindern und den verstärkten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu vermeiden.

Literatur:

(1) Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage "Auswirkungen der europäischen Gesetzesinitiativen im Bereich Pflanzenschutz auf Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz" (Drucksache 16/9239).
(2) Brasse, D.: Der Arbeitsbereich Bienenschutz in der Geschichte der BBA, in Mitteilungen aus der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin-Dahlem 410, 2007.
(3) Ritter, Wolfgang: ?Hohe Bienenverluste nun auch in Deutschland?, in: Deutsches Tierärzteblatt 4/2008.
(4) Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage "Ökologische und ökonomische Bedeutung von Schadorganismen" (Drucksache 16/7277)
(5) Glas, Michael: Maiswurzelbohrer ? eine Gefahr für den Maisanbau in Hohenlohe?
55. Pflanzenschutztag: www.landwirtschaft-mlr.baden-wuerttemberg.de
(6) www.ag-bienenforschung.de
(7) Deutsches Bienenjournal 4/2008
(8) agroinnovations.com
(9) agriculture.house.gov


Mit freundlichen Grüßen
Christel Happach-Kasan

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