Schleswig-Holstein

Montag, 6. Juli 2009
Abgeordnetenwatch-Frage zu Krümmel

Frage

Sehr geehrte Frau Happach-Kasan,

ich wohne nicht weit weg vom Atomkraftwerk Krümmel. Erneut hat da etwas
nicht funktioniert. Ich habe im Internet nachgeguckt, und jede Zeitung
schreibt etwas anderes. Ich möchte von Ihnen wissen: Was ist da los in
Krümmel? Setzen Sie sich immer noch für den Weiterbetrieb des Kraftwerks
ein, und warum gibt es dort soviele Störfälle. Ich weiss langsam nicht
mehr, wem ich glauben soll

 

Antwort

Sehr geehrte Frau ,

die Nutzung der Elektrizität ist in unserem Alltag unverzichtbar. Das Kernkraftwerk Krümmel produziert seit 1984 elektrischen Strom. Es gehört zur mittleren Generation der Kernkraftwerke in Deutschland. Sieben Kernkraftwerke sind länger in Betrieb, sieben Kernkraftwerke wurden später in Betrieb genommen. Die Fakten und Vorgänge der letzten Wochen beim Kernkraftwerk Krümmel sind in der Tat von verschiedenen Medien sehr unterschiedlich wiedergegeben worden. Ich bin davon überzeugt, dass die Sicherheit der Menschen in der Umgebung des Kernkraftwerks zu keiner Zeit gefährdet gewesen ist.

Es gibt eine Internationale Atomenergiebehörde, die weltweit Ereignisse in Kernkraftwerken bewertet. Die Bewertungsskala der Internationalen Atomenergiebehörde, "International Nuclear Event Scale” (INES), ist siebenstufig. Die unterste Stufe wird als Störung bezeichnet und ist charakterisiert durch die "Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage". Weder der Transformatorbrand im Sommer 2007 noch weitere nach deutschem Recht meldepflichtige Ereignisse sind von der Internationalen Atomenergiebehörde überhaupt als "Störung" bewertet worden. Alle Ereignisse lagen unterhalb der untersten Bewertungsstufe. Also auch nach internationalen Maßstäben hat es keine Gefährdung der Bevölkerung durch den Betrieb des Kernkraftwerks gegeben.

Das Auftreten von Ereignissen im Betriebsablauf, die für die Sicherheit nicht relevant sind, ist angesichts der Größe der Anlage und der Menge der produzierten elektrischen Leistung normal. Entscheidend für den sicheren Betrieb des Kraftwerks ist, dass solche Ereignisse sicher beherrscht werden. Die Meldepflicht – die nur für Kernkraftwerke gilt - stellt sicher, dass die Aufsichtsbehörden über alle solche Ereignisse informiert sind und die Aufgabe der Kontrolle fachgerecht wahrnehmen können. Vor zwei Jahren hat einer der beiden Maschinentransformatoren des Kernkraftwerks Krümmel gebrannt, die den vom Kernkraftwerk produzierten elektrischen Strom in einen Strom mit hoher Spannung (380 Kilovolt (kV)) umwandeln (transformieren).

Auf Glühlampen ist angegeben, für welche Spannung (bei uns 220 Volt) und welche Leistung (Watt) die Glühlampe ausgelegt ist. Die Überlandleitungen unseres Elektrizitätsnetzes transportieren Strom mit einer Spannung von 110 000 oder 380 000 Volt. Der im Kernkraftwerk produzierte Strom hat eine geringere Spannung. Deshalb muss er für den Transport hoch transformiert werden. Dies ist erforderlich, um beim Transport über weite Strecken die unvermeidlichen Leitungsverluste gering zu halten. Für den Verbrauch muss der Strom wieder herunter transformiert werden. Das bedeutet, dass zahlreiche Transformatoren in unseren Elektrizitätsnetzen installiert sind: Im Anschluss an Kraftwerke, um Strom für den Transport in eine hohe Spannung zu transformieren, in Umspannstationen in den Wohngebieten, um ihn auf eine geringere Spannung zu transformieren. Transformatoren sind Teil des Stromnetzes.

Für die Sicherheit des Betriebs des Kernkraftwerks ist es entscheidend, dass immer dann, wenn das Stromnetz den produzierten Strom nicht abnimmt, weil z. B. ein Transformator defekt ist, das Kernkraftwerk sich selbstständig abschaltet. Das wird Reaktorschnellabschaltung genannt. Dieses ist vor zwei Jahren geschehen und auch jetzt bei dem Kurzschluss im Maschinentransformator ist ebenfalls eine automatische Reaktorschnellabschaltung erfolgt. Nach dem Transformatorbrand 2007 ist das Kernkraftwerk gründlich gewartet worden. Unter anderem wurden etwa 600 große Stahldübel von über 10 000 Dübeln ausgewechselt.

Am 19. Juni wurde mit dem Wiederanfahren des Kernkraftwerks nach fast zwei Jahren Stillstand begonnen. Dieser Prozess dauert mehrere Tage. Nach so langer Pause ist damit zu rechnen, dass im Verlauf des Anfahrvorgangs und des folgenden Leistungsbetriebs Abweichungen vom normalen Betrieb auftreten können. Am 1. Juli wurde ein Eigenbedarfstransformator abgeschaltet. Dieser Transformator transformiert Strom aus dem Netz für den Eigenbedarf des Kernkraftwerks. Die Abschaltung erfolgte, weil in einer Handarmatur ein Ventil fehlerhaft geschlossen war. Für den Betrieb des Transformators muss es geöffnet sein. Nach Darstellung von Vattenfall, des Betreibers des Kernkraftwerks Krümmel, muss die fehlerhafte Ventilstellung während der Arbeiten zur Vorbereitung des Wiederanfahrens erfolgt sein. Um eine Wiederholung eines solchen Fehlers zu vermeiden, wird künftig die Ventilstellung vor Inbetriebnahme des Transformators überprüft. (Die Meldung der Geesthachter Zeitung zu diesem Ereignis trug die Überschrift "Turbine defekt – Krümmel schon wieder vom Netz". Diese Meldung war somit technisch falsch!)

Am 4. Juli kam es zu einem Kurzschluss in einem der beiden Maschinentransformatoren. Es wurde automatisch eine Reaktorschnellabschaltung ausgelöst. Die beiden Maschinentransformatoren, sowohl der im Jahr 2007 ausgefallene Maschinentransformator als auch der am 4. Juli durch Kurzschluss ebenfalls ausgefallene Maschinentransformator stammen aus derselben Baureihe. Es sollen durch Untersuchung des Transformators weitere Erkenntnisse gewonnen werden, weshalb der erste gebrannt hat und der zweite durch einen Kurzschluss ausgefallen ist.

Es sollen zwei neue Maschinentransformatoren eingebaut werden. Am 4. Juli wurde im Reaktorwasser ein leichter Anstieg der Freisetzung von Spaltprodukten gemessen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass einzelne Brennstäbe in den Brennelementen defekt sind. Bei der nachfolgenden Untersuchung ist ein defekter Brennstab gefunden worden. Der Brennstabschaden ist möglicherweise während der Instandsetzungsarbeiten durch Eintrag von Metallspänen verursacht worden. Diese Frage wird geklärt.

Der Betreiber des Kernkraftwerks hat sich verpflichtet, in Zukunft mehr für die Vermeidung des Eintrags von Metallteilen zu unternehmen. Im Reaktor des Kernkraftwerks Krümmel befinden sich 840 Brennelemente, jedes Brennelement besteht aus etwa 75 bis 90 Brennstäben. Im Brennstab befindet sich das Uran, das von einer gasdichten Ummantelung umschlossen ist. Wenn diese Ummantelung defekt ist, dringen Spaltprodukte in das Reaktorwasser. Eine Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt ist damit nicht verbunden.

Daher ist der Defekt eines Brennstabes ist für den laufenden Betrieb eines Kernkraftwerks nicht von Bedeutung. Defekte Brennstäbe werden gewöhnlich im Rahmen der Revision ersetzt. Der sichere Betrieb eines Kernkraftwerks ist in großem Maß abhängig von der Sorgfalt des Betreibers, der Ausbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Betreiber eines Kernkraftwerks hat die alleinige Verantwortung. In zweiter Linie ist auch die fachgerechte Aufsicht der Kontrollbehörde von Bedeutung. Der in Schleswig-Holstein über lange Jahre betriebene so genannte "ausstiegsorientierte Gesetzesvollzug" hat die Sicherheit des Betriebs der Kernkraftwerke nicht erhöht.

In Deutschland wird der Strom zu mehr als der Hälfte aus fossilen Energieträgern gedeckt (Steinkohle, Braunkohle, Erdgas). Der Kernenergieanteil an der Stromerzeugung in unserem Land betrug im Jahr 2008 23.3%. Der Primärenergieverbrauch: Stromproduktion, Wärmeproduktion, Kraftstoffe wird zu 80% mit fossilen Energieträgern gedeckt. Das heißt bei 80% des Energieverbrauchs entstehen Kohlendioxidemissionen. Deutschland hat sich verpflichtet bis 2020 die Abgabe von Kohlendioxid um 40% zu verringern. Dies kann nur geschehen, wenn die fossilen Energieträger durch erneuerbare Energien ersetzt werden oder durch Abscheidung und Lagerung das Kohlendioxid entfernt wird. Die Große Koalition hat den entsprechenden Gesetzentwurf zur Kohlendioxid-Einlagerung vor kurzem zurückgezogen. Deshalb kann die Minderung der Kohlendioxidemissionen nur über den Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien erfolgen. Derzeit beträgt der Anteil erneuerbarer Energien an der Primärenergie knapp 7,5%. Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien muss also genutzt werden, um fossile Energieträger zu ersetzen. Kernenergie und erneuerbare Energien dienen daher beide dem Klimaschutz.

Zu Ihrer Frage nach dem Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Krümmel: Ich bin der Überzeugung, dass bei Erfüllung der sicherheitstechnischen Voraussetzungen das Kernkraftwerks Krümmel weiter betrieben werden kann. Über den Betrieb von Kernkraftwerken darf nicht parteipolitisch, sondern es muss fachlich entschieden werden.

Der Betreiber des Kernkraftwerks muss sich zu hoher Sorgfalt verpflichten und dies muss kontrolliert werden: Die falsche Ventileinstellung, die Metallteile im Reaktor sind vermeidbare Fehler. Die Informationskultur kann verbessert werden. Die Berichte, die der Kraftwerksbetreiber der Aufsichtsbehörde mitzuteilen hat, sind auf der Internetseite einzusehen. Dies ist zwar ein erster richtiger Schritt. Aber das allein reicht nicht, weil die technischen Einzelheiten nur den Fachleuten geläufig sind. Wenn die interessierte Bürgerin und der interessierte Bürger aus den Medien aber keine fachlich fundierte, sachlich richtige Information erhalten, brauchen sie ergänzende Erläuterungen.

Insgesamt ist die Bilanz der Nutzung der Kernenergie zur Stromproduktion in Deutschland deutlich besser als die einiger anderer Energieträger:

Im vergangenen Jahr sind in deutschen Kernkraftwerken 148 Milliarden KWh Strom produziert worden. Zum Vergleich: Der Drei-Schluchten-Staudamm in China, prognostizierte Energieproduktion von 84 Milliarden KWh, führt dazu, dass knapp 3000 Pflanzenarten und 300 Tierarten vom Aussterben bedroht sind. (Wikipedia) (Über die Zahl möglicher menschlicher Opfer im Falle eines z. B. durch Erdbeben ausgelösten Dammbruchs gibt es keine Angaben)

Kohlebergbau in Deutschland:

1900 – 1950: 2900 Tote,
1951 – 2000 über 600 Tote,
in China jedes Jahr 6000 Tote.

Zusätzlich zu den unfallbedingten Todesfällen im Kohlebergbau kommt hinzu, dass viele Bergleute eine Staublunge entwickelt haben. Dies ist eine anerkannte Berufskrankheit, die tödlich endet.

Erdrutsch in Nachterstedt, Juli 2008, Spätfolge des Braunkohlebergbaus, 3 Tote.

Biogasanlagen, Unfall Zeven, 4 Tote, verschiedene ökologische Auswirkungen.

Wasserkraft in Deutschland: EU-Ziel: 40% der hinabsteigenden Blankaale sollen das Meer erreichen. Dies Ziel wird in Deutschland auf Grund der Wasserkraftnutzung nicht erreicht. (Pumpspeicherwerk Geesthacht, Juni 2009, 1 Toter bei Reparaturarbeiten)

Kernenergie:

In der Geschichte der Kernenergie gab es zwei größere Unfälle: 1979 in Harrisburg in den USA und 1986 in Tschernobyl (damalige UdSSR, heutige Ukraine). Beide Unfälle geschahen in Reaktoren, die nicht unseren Sicherheitsstandards genügt haben. Der Unfall in Tschernobyl ist zurückzuführen auf die Versuche, die am Reaktor durchgeführt wurden und bei denen die Sicherungssysteme ausgeschaltet worden waren. Kein Kernkraftwerk in Deutschland wird in dieser Weise genutzt.

Fazit: Stromproduktion kann bei allen Produktionsarten zu Unfällen führen. Jedoch ist Kernenergie weniger risikoreich als andere Arten der Stromproduktion.

Aber auch die Nutzung von elektrischem Strom birgt Gefahren, hat ein gewisses Risiko. Es wurden Anstrengungen unternommen, diese Risiken zu minimieren. Dennoch gibt es in jedem Jahr tödliche Unfälle, alleine 53 im privaten Bereich in Deutschland im Jahr 2006. Die Unfallhäufigkeit ist in Deutschland im Vergleich zu Großbritannien doppelt so hoch.

Ich halte die Risiken der Nutzung der Kernenergie für beherrschbar. Die Geschichte des Betriebs von Kernkraftwerken zeigt, dass in Deutschland die damit verbundenen Risiken beherrscht werden. Sie sind im Übrigen für Mensch und Umwelt tendenziell geringer als bei anderen Formen der Stromproduktion.

Mit freundlichen Grüßen

Christel Happach-Kasan

Basisliteratur zur Kernenergie:
Forschungszentrum Karlsruhe, Lexikon zur Kernenergie: W. Koelzer 2009:
www.kernenergie.de

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