Grüne Gentechnik

Mittwoch, 19. August 2009
Abgeordnetenwatch-Frage zum Thema Grüne Gentechnik und Welthunger

Frage

Sehr geehrte Frau Happach-Kasan,

Dritte-Welt-Staaten wehren sich gegen Lieferungen genmanipulierter Lebensmittel.
www.die-tagespost.de

Der Weltagrarrat kommt zu dem Schluß, dass Gentechnik in der Landwirtschaft nicht
geeignet ist den Hunger in der Welt zu bewältigen. Im Gegenteil. Vielmehr wird
eine Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft mit angestammten Saatgut empfohlen.
www.tagesschau.de

Sind Sie bereit vom Weltagrarat zu lernen ?

Der Verband der amerikanischen Umweltmediziner fordert ein Verbot von Genfood.
www.aaemonline.org

Könnten Sie im Interesse der Demokratie, alle Verflechtungen der FDP, speziell mit der grünen Gentechnikindustrie offenlegen?
So arbeitet zum Bsp. der umweltpolitische Sprecher der FDP-Ratsfraktion Köln, Herr Dr. Rolf Albach in der Marketingabteilung der Bayer AG.

Sind Sie bereit auch gegen Konzerninteressen, die Interessen unserer Bürger und unserer Kinder zu verteidigen?

Herzlichen Dank von ihren Mitbürgern

 

Antwort

Sehr geehrter Herr ,

Zu 1: Lebensmittellieferungen

Vor fünf Jahren haben die beiden afrikanischen Staaten Sambia und Mosambik Lebensmittelspenden für die hungernde Bevölkerung abgelehnt, weil diese Spenden aus gentechnisch verändertem Bt-Mais bestanden.

Beide Länder sind bitterarm. Die Lebenserwartung in Sambia beträgt 37 Jahre für Frauen und 38 Jahre für Männer. In Mosambik beträgt sie 44 Jahre. In Sambia sind 16,5 % der Menschen an AIDS erkrankt, in Mosambik 12,5 %. In beiden Ländern leben 80% der Menschen von der Landwirtschaft, nur in Sambia gibt es in größerem Umfang Maisanbau, in Mosambik nicht.

Mir ist nicht bekannt, wie es zu der Ablehnung der Lebensmittellieferungen in den beiden Ländern gekommen ist. War das der Wille der Bevölkerung? Das glaube ich nicht, denn Hunger tut weh. Ich weiß auch nicht, wie viele Menschen diese Entscheidung mit dem Tod durch Verhungern bezahlt haben. In meinen Augen ist dieser Vorfall nicht geeignet, eine Ablehnung der Gentechnik in der Landwirtschaft zu begründen. Er zeigt vielmehr, wie viel Leid in armen Ländern, die in reichen europäischen Ländern aus Kulturpessimismus und fehlender naturwissenschaftlicher Bildung geborene undifferenzierte Abneigung der Gentechnik erzeugt.

Zu 2: Der "so genannte Weltagrarrat":

Schon die Bezeichnung "Weltagrarrat" ist irreführend. Die Gruppe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Bericht erarbeitet haben, ist in keiner Weise repräsentativ für die weltweite Landwirtschaft gewesen. Es ist auch sehr fraglich, ob angesichts der weltweit sehr unterschiedlichen geologischen und klimatischen Standortbedingungen für die agrarische Produktion, die unterschiedlichen Kulturpflanzen mit ihren unterschiedlichen Standortansprüchen, die unterschiedlichen kulturellen Traditionen, der unterschiedliche technische Entwicklungsstand, der unterschiedliche Ausbildungsstand von Landwirten überhaupt ein Weltagrarrat allgemeingültige Aussagen, die nicht trivial sind, über notwendige Investitionen und eine zukunftsorientierte Ausrichtung der Landwirtschaft treffen kann. Es ist daher nur folgerichtig, dass nur 6 der 27 EU-Länder den Bericht unterschrieben haben. Auch Deutschland hat ihn nicht unterschrieben. Der Bericht hat keine Anerkennung in der Fachwelt gefunden. Er berücksichtigt nicht, dass etwa die Hälfte einer jeden Ernte entweder schon auf dem Feld oder anschließend bei der Lagerung und der Verarbeitung durch Schadorganismen vernichtet wird. Die erste Grüne Revolution hat es ermöglicht, dass von den über 6 Milliarden Menschen auf der Erde etwa 5 Milliarden ausreichend ernährt werden. 1950 lebten etwa 2 Milliarden Menschen auf der Erde und nur die Hälfte wurde ausreichend ernährt. Es werden seither vier Milliarden Menschen mehr ernährt. Es ist gut zu verstehen, dass der Kommissar für Wüstenbildung der UNO in einer Sitzung des Agrarausschusses des Deutschen Bundestages eine zweite Grüne Revolution gefordert hat: Die Anwendung biotechnologischer Züchtungsverfahren zur Züchtung dürreresistenter und salztoleranter Sorten. Der Bericht des Weltagrarrats gibt leider keine Impulse zur Verbesserung der Welternährung. Man kann nicht viel von ihm lernen.

Zu 3: Verband der amerikanischen Umweltmediziner

Der Verband der amerikanischen Umweltmediziner hat eine sehr überschaubare Menge von Mitgliedern. Er hat weltweit deutlich weniger Mitglieder als z.B. der Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik allein in Deutschland. Es ist ein internationaler Verband, der auch in Deutschland ein Mitglied hat, in Großbritannien hat er vier Mitglieder. Wer die Abkürzung AAEM googelt, stellt fest, dass die Sternfreunde von Essen und Mühlheim sehr viel weiter oben stehen als dieser Verband. Er ist in keiner Weise repräsentativ für amerikanische Mediziner. Man gewinnt den Eindruck, dass der Verband das Thema Gentechnik nutzt, um aus seinem Schattendasein herauszutreten.

Es ist dem Verband sichtlich schwer gefallen, wissenschaftliche Belege für seine Warnung zu finden. Das ist nicht verwunderlich. Gesundheitliche Schäden durch den Verzehr zugelassener Sorten sind weder beim Menschen noch beim Tier in den über 10 Jahren des Anbaus von gv-Pflanzen bekannt geworden. Auf über 125 Millionen Hektar Fläche werden gv-Pflanzen angebaut. Also zitiert der Verband so strittige Versuche wie den Rattenversuch von Pusztai (ausführliche Bewertung auf www.transgen.de ) oder den österreichischen Mehrgenerationen-Mäuseversuch. Die Universität in Wien hat die Veröffentlichung sehr schnell aus dem Netz genommen, denn der Versuch ist wegen gravierender methodischer Mängel scharf kritisiert worden. Seine Ergebnisse sind völlig wertlos. Der Langzeitversuch der TU München, bei dem über 24 Monate eine Gruppe von 18 Milchkühen mit MON810 gefüttert wurde und die Kontrollgruppe von 18 Kühen mit herkömmlich gezüchtetem Mais der isogenen Linie, wird nicht einmal erwähnt. Offensichtlich passten die Ergebnisse (es gab keine Unterschiede zwischen der mit gv-Mais gefütterten und der mit herkömmlich gezüchtetem Mais gefütterten Gruppe) nicht in den Kram des ideologisch ausgerichteten Verbandes. Zu beiden Versuchen habe ich auf dieser Seite schon einmal ausführlich Stellung bezogen ( www.happach-kasan.de ).

Zu 4: Kommunalpolitik

Ich finde es gut, wenn leitende Angestellte von Unternehmen, wie der von Ihnen erwähnte Dr. Albach, sich in der Kommunalpolitik engagieren und ihr Wissen in die Kommunalpolitik einbringen. Für die Stadt Köln und ihre Bürgerinnen und Bürger ist dies ein Gewinn. Als Kreisvorsitzende weiß ich, wie wichtig es ist, profilierte Menschen für die Kommunalpolitik zu gewinnen. Kommunalpolitik hat ausschließlich Selbstverwaltungsaufgaben. Auf der Internetseite der FDP Köln ( www.fdp-koeln.de ) können Sie sich über deren Arbeit und deren Ziele bei der anstehenden Kommunalwahl informieren. Ich kann nicht erkennen, dass sein Engagement in der Kommunalpolitik und seine Position als Mitarbeiter in einem großen Unternehmen einen Interessenskonflikt bedeutet. Von "Verflechtungen der FDP" zu sprechen, ist in meinen Augen völlig absurd.

Zu 5: Kartellrecht

Die FDP hat in ihrem Deutschlandprogramm ausgeführt, in welcher Weise sie, den Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher organisieren will. Keine andere Partei engagiert sich so stark, wenn es darum geht, die wirtschaftliche Macht von Großkonzernen zu begrenzen, Monopole aufzubrechen und die Kartellbehörde zu stärken.

Mit freundlichen Grüßen

Christel Happach-Kasan

 

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