Ernährung

Mittwoch, 11. August 2010
Happach-Kasan im Dialog zum Thema BSE

 

Der Dialog besteht aus je zwei Fragen und Antworten.

 

Frage auf abgeordnetenwatch.de vom 6.7.2010

 

Sehr geehrte Frau Dr. Happach-Kasan,

wie ist Ihre Aussage vom 02.07.2010 (1)

Zitat:
"Die BSE-Krankheit ist besiegt."

zu verstehen?

Bezieht sich diese Aussage auf den Übertragungsweg vom verunreinigtem Futtermittel zum Rind, vom BSE-infizierten Fleisch zum Menschen oder aufgrund kontaminierter Blutkonserven vom Mensch zum Mensch?

MfG
R. Zwanziger

 

Antwort auf abgeordnetenwatch.de vom 30.7.2010


Sehr geehrter Herr Zwanziger,

vielen Dank für Ihre Nachfrage.
Meine Aussage "Die BSE-Krankheit ist besiegt" bezieht sich explizit auf die Erkrankung von Rindern an BSE (Bovine spongiforme Enzephalopathie) hervorgerufen durch die Verfütterung von Futtermitteln, die infektiöse Prionen enthalten.

Ich möchte Ihnen im Folgenden darstellen, wie ich zu meiner Einschätzung gelangt bin, die auch von anderen Stellen geteilt wird. So titelte die ZEIT bereits im vergangenen Jahr: "BSE ist besiegt – beinahe"(1). Die EU-Kommission hat am 16. Juli 2010 erklärt: "Die Europäische Union hat große Fortschritte bei der BSE-Bekämpfung erzielt. Dank strenger umfassender EU-Maßnahmen stehen wir endlich kurz vor der Tilgung dieser Seuche in der Union."

Ursache für BSE ist die Verfütterung von Futtermitteln, die infektiöse Prionen enthalten. Die Krankheit entstand in Großbritannien, wo seit den achtziger Jahren auf die in Deutschland und anderen EU-Ländern praktizierte Drucksterilisation bei der Erzeugung von Tiermehl verzichtet worden war. Das so produzierte Tiermehl enthielt infektiöse Prionen und wurde zur Herstellung von Tierfutter verwendet, das auch an Rinder verfüttert wurde. Bei den in Deutschland aufgetretenen BSE-Fällen wird angenommen, dass die Infektion auf die Verfütterung von Milchaustauschern zurückzuführen ist, die infektiöse Prionen enthielten.

Am 24. November 2000 ist in Deutschland erstmalig BSE durch einen freiwillig durchgeführten Schnelltest bei einem Rind aus Schleswig-Holstein festgestellt worden. Seither wurden in Deutschland etwa 20 Mio. Rinder auf BSE untersucht. Auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 2001 wurden 125 Tiere positiv getestet. In den darauf folgenden Jahren hat die Zahl der BSE-positiven Tiere kontinuierlich abgenommen, in den Jahren 2008 und 2009 waren jeweils nur noch 2 Tiere BSE-positiv. Die Mehrzahl der positiv getesteten Rinder war verendet oder zeigte bereits auffällige Krankheitssymptome. In diesem Jahr gibt es bis heute (30. Juli 2010) keinen positiven BSE-Fall (2). Auch in der restlichen EU zeigen alle Zahlen den gleichen Trend: Seit dem Höhepunkt in den Jahren 2001 und 2002 sind die Zahlen stark rückläufig.

Für die Ausbreitung von BSE über Großbritannien hinaus tragen die Briten und die EU-Kommission Verantwortung. In Großbritannien sind insgesamt über 180 000 Rindern an BSE gestorben. Höhepunkt in GB war das Jahr 1993, in dem über 30 000 Tiere an BSE starben (3). Ob die Verwendung von Scrapie-infiziertem Schafsgewebe (eine weitere "Transmissible Spongiforme Enzephalopathie" (TSE)) Ursache für die Entstehung von BSE war, konnte wissenschaftlich nicht bewiesen werden (4). Die Briten haben die 1989/90 von der EU-Kommission und dem Ministerrat getroffenen Beschlüsse nicht umgesetzt, beispielsweise das Verbot des Exports britischer Rinder (89/469/EEG) oder des Exports bestimmter Körpergewebe (90/200/EEG). Es wurde illegal ungenügend erhitztes Tiermehl aus Großbritannien in die EU exportiert. Die EU-Kommission hat zu spät gehandelt.

Die EU verfügte zur Bekämpfung von BSE unter anderem folgende Maßnahmen:

1994 Verfütterungsverbot von Fleischmehlen an Wiederkäuer (94/381/EG)
1996 Bestimmung von Mindestparametern für die Behandlung von Tierabfällen (96/449/EG) ? war in Deutschland bereits Vorschrift
2000 Entfernung der Spezifizierten Risikomaterialien (SRM), (2000/418/EG)
2001 Allgemeines Tiermehlverbot (2001/25/EG) in der Futtermittelherstellung.

Die SRM-Entfernung ist, solange BSE in Beständen vorkommt, eine wichtige Maßnahme zur Unterbindung der Verbreitung von infektiösem Material. Da BSE eine Degeneration des Nervengewebes bewirkt, sind als SRM Organe mit großem Anteil an Nervengewebe klassifiziert, bei denen die höchste Belastung mit Prionen und folglich die höchste Infektiosität angenommen wird. Hierzu zählen beispielsweise das Gehirn, bestimmte Wirbel, die Augen, der Darm sowie daraus gewonnene Erzeugnisse.

An folgendem Sachverhalt lässt sich die Wirksamkeit der in Deutschland getroffenen Maßnahmen ableiten: Nach dem Jahr 2001 ist kein einziges positiv auf BSE-getestetes Rind in Deutschland geboren worden. Alle in den letzten Jahren nachgewiesenen BSE-Fälle waren vorher geboren worden, die allermeisten in den Jahren 1995 und 1996.

Die Maßnahmen zeigten wesentlich schneller Erfolge, als dies von Experten erwartet worden war (1). Aufgrund dieser Entwicklung hat die EU-Kommission einer Reihe von Mitgliedsstaaten im letzten Jahr erlaubt, das Testalter für Schlachttiere von 30 auf 48 Monate heraufzusetzen. Aufgrund der oben angeführten Zahlen halte ich diese Entscheidung für nachvollziehbar und richtig. Da die gesetzliche Regelungen auf europäischer und nationaler Ebene zu weitreichenden Korrekturen bei der Herstellung von Futtermitteln geführt haben, ist ein Wiederaufflammen von tierischen TSE in der EU nach derzeitigem Wissensstand äußerst unwahrscheinlich. Ich teile die Einschätzung der EU-Kommission in ihrem "Zweiten Fahrplan für die TSE-Bekämpfung" (KOM(2010)384), dass alle Änderungen durch gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden müssen und die Forschung auf diesem Gebiet weiter unterstützt werden muss (5).

Die Epidemiologie und Verbreitung der varianten Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) und der iatrogenen, also durch medizinische Eingriffen übertragenen CJK ist schwierig einzuschätzen. Die vCJK wurde 1995 in Großbritannien das erste Mal beobachtet und als tödliche TSE beim Menschen beschrieben. Weltweit wurden bisher 219 vCJK-Fälle beschrieben, davon 172 in GB und 25 in Frankreich (6). In Deutschland wurden bisher keine Fälle von vCJK beschrieben. Nach den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird vCJK durch den Verzehr von infektiösen Prionen in kontaminiertem BSE-Material hervorgerufen. Es gibt derzeit keine verlässliche Datengrundlage, die die Anzahl der Betroffenen in GB und der EU, die keine klinischen Symptome zeigen, seriös abschätzen kann. Nach den Beobachtungen in Großbritannien geht man von einer nahrungsassoziierten vCJK von 13 Jahren und bei der durch Blutübertragung hervorgerufenen vCJK von 6,5 Jahren aus (7). Von diesen Personen geht ein nicht bestimmbares theoretisches Risiko der Ansteckung aus, insbesondere durch Blut- oder Organspenden, eventuell auch durch OP-Besteck. Aus GB sind vier Fälle bekannt, bei denen kontaminierte Bluttransfusionen vCJK übertragen haben. Hier ist nach wie vor eine erhöhte Aufmerksamkeit der Gesundheitsbehörden erforderlich. Um die Gefahr der Weiterverbreitung von vCJK so gering wie möglich zu halten, wurden von den Behörden in der EU bereits verschiedene Vorsichtsmaßnahmen erlassen. Die größte Behinderung stellt hier das Fehlen eines geeigneten Nachweisverfahrens für Prionenproteine in Blutproben dar.

Zusätzlich zählen Verdachtsfälle auf humane spongiforme Enzephalopathien seit 1994 zu den meldepflichtigen Krankheiten. Ärzte müssen nach §6 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) Verdachtsfälle unverzüglich an das zuständige Gesundheitsamt melden. Zur Unterstützung der Diagnose wurden in Deutschland im Jahr 2006 zwei Nationale Referenzzentren für die Überwachung von TSE in Göttingen und München berufen.

Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland und Europa nach heutigem Wissen keine zweite BSE-Epidemie im Nutztierbereich befürchten müssen. Die Bilder und Erfahrungen der BSE-Krise waren prägend und sehr lehrreich für alle Beteiligten. Knapp 10 Jahre nach dem ersten in Deutschland entdeckten BSE-Fall ist es jedoch an der Zeit zu überprüfen, welche Maßnahmen im Bereich der Landwirtschaft und Tiermast weiterhin erforderlich sind und auf welche Maßnahmen verzichtet werden kann, ohne den Gesundheitsschutz zu beeinträchtigen. Die Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz der FDP-Bundestagsfraktion hat dazu eine erste Anhörung durchgeführt, weitere werden folgen (8). Das Verfütterungsverbot für Tiermehl an Wiederkäuer muss erhalten bleiben. Die Verwendung von tierischen Fetten und Eiweißen beispielsweise bei der Schweinehaltung und im Geflügelbereich ist dagegen unbedenklich. Schweine und Geflügel sind Allesfresser, die heutige Fütterungspraxis macht sie zu Vegetariern. Im Interesse des Ressourcenschutzes ist zudem zu überprüfen, in welchem Umfang weiterhin die Entsorgung hochwertiger tierischer Phosphate erforderlich ist. Diese müssen für die Tiermast durch anorganisches Phosphat ersetzt werden. Zudem halte ich die Überprüfung der SRM-Liste gerade im Bezug auf Rinderdärme für sinnvoll. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Rinderdärme aus Ländern, in denen keine BSE-Tests durchgeführt werden, importiert werden, während Därme von Rindern aus Deutschland verworfen werden, obwohl nachweislich bei keinem nach 2001 geborenen Rind BSE nachgewiesen wurde. Auch das Testalter sollte an die Erfordernisse der Lebensmittelsicherheit angepasst werden.

Die Regelungen im Bereich der Humanmedizin müssen davon völlig unabhängig betrachtet werden und sind nicht Teil der von mir angesprochenen Überprüfung.

Mit freundlichen Grüßen

Christel Happach-Kasan

(1) www.zeit.de
(2 www.bmelv.de
(3) www.vetvir.uzh.ch , S. 156 – 161.
(4) www.bfr.bund.de
(5) ec.europa.eu
(6) www.eurocjd.ed.ac.uk
(7) www.medizinische-enzyklopaedie.de
(8) www.happach-kasan.de

 

 

Frage auf abgeordnetenwatch vom 31.7.2010

Sehr geehrte Frau Dr. Happach-Kasan,

erstaunlich, dass Sie ausgerechnet Presseartikel sowie Aussagen der EU-Kommission, von der Sie selbst behaupten (1)

Zitat:
"Für die Ausbreitung von BSE über Großbritannien hinaus tragen die Briten und die EU-Kommission Verantwortung."

als Parameter dafür benutzen, ob BSE besiegt ist oder nicht.

Warum lesen Sie keine wissenschaftlichen Dokumente, wie etwa die in D noch immer unveröffentlichte und vom Deutschen Bundestag nie erörterte Bayerische BSE-Risikoanalyse aus dem Jahr 2003? (2)

Ob man aufgrund rückläufiger BSE-Fallzahlen Entwarnung geben kann, halte ich für sehr gewagt, denn

1. erkennen die aktuellen Testmethoden BSE sowieso erst im Endstadium der Erkrankung
2. das Testalter der zu testenden Tiere wird kontinuierlich nach oben gesetzt.

Demzufolge dürfte es in absehbarer Zeit keine BSE-testpflichtigen Rinder mehr geben, da die durchschnittliche Lebenserwartung von Rinder wesentlich niedriger ist.

Wollen Sie dies als Erfolg feiern?

Aktuell würde mich nun interessieren wo der wissenschaftliche Nachweis dafür ist, dass die im Maßnahmenkatalog Tierseuchenbekämpfung (Teil IX: BSE) festgelegten Maßnahmen, nach positiven BSE-Fällen in Rinderschlachtbetrieben, unter Realbedingungen ausreichend sind, um infektiöses BSE-Material vollständig zu beseitigen?

Denn in Eingangs erwähnter BSE-Risikoanalyse gibt es dazu einen elementaren Widerspruch bezogen auf den OP-Bereich in der Humanmedizin!

Mit diesem Widerspruch scheinen vor allem bayerische Ministerien (3) derzeit größte Aufklärungsprobleme zu haben.

Zitat:
"Sind diese Betriebe in denen ein oder gar mehrere positive BSE-Fälle festgestellt wurden noch immer kontaminiert?"

Gespannt!

MfG

R. Zwanziger

 

Antwort auf abgeordnetenwatch vom 5.8.2010


Sehr geehrter Herr Zwanziger,

meine Einschätzung dass die Rinderkrankheit BSE, verursacht durch die Verfütterung von infektiösem Tiermehl, besiegt ist, beruht auf den folgenden beiden Feststellungen:
1. Die Krankheit wurde aus GB importiert,
2. Nach 2001 wurde in Deutschland kein Rind positiv auf BSE getestet.

Das zeigt zweierlei:
Die Hypothese, dass die Krankheit durch infektiöses Tiermehl verursacht ist, hat sich als richtig erwiesen;
Die Maßnahmen, infektiöses Material aus der Futterkette auszuschließen, waren erfolgreich.

Die Bayerische BSE-Risikoanalyse stammt aus dem Jahr 2003. Die Entwicklungen der letzten Jahre konnte sie zu dieser Zeit nur abschätzen. Inzwischen wissen wir, dass deren Prognose einer Stabilisierung der Fallzahlen erst ab 2013 zu pessimistisch war. Die erwartete höhere Fallzahl für die Geburtsjahrgänge 1999/2000 ist nicht eingetreten. Das zeigt, dass es sinnvoll ist, sich bei der Bewertung an neueren Analysen zu orientieren.

Es macht keinen Sinn, Tiere auf BSE zu testen, bei denen es ausgeschlossen ist, dass die Erkrankung gefunden wird. So waren die freiwilligen BSE-Tests bei Tieren unter 24 Monaten, die von Politikern der Grünen befürwortet wurden, nicht sinnvoll. Die Forderung war reine grüne Symbolpolitik, die andere bezahlt haben. Über eine Million Tiere jünger als 24 Monate wurden getestet – Ergebnis negativ (1).
Bereits seit mehreren Jahren wurde kein Rind mehr positiv auf BSE getestet, welches das durchschnittliche Schlachtalter einer Milchkuh von etwa 5 Jahren erreicht hatte. Die letzten positiv auf BSE getesteten Tiere waren 9 Jahre alt. Zur Erinnerung: Es ist das Ziel der BSE-Tests, erkrankte Tiere zu finden. Es ist nicht das Ziel der Tests, Laboren Arbeit zu verschaffen.

Klinische Verdachtsfälle werden weiterhin altersunabhängig auf BSE getestet (2). Damit ist sichergestellt, dass es eine weitere Beobachtung von BSE gibt, auch wenn in naher Zukunft keine positiv getesteten Schlachttiere mehr gefunden werden.

Es ist in der Tat ein Erfolg, dass es in knapp 10 Jahren gelungen ist, die Krankheit zu besiegen. In Großbritannien sind über 180.000 Tiere an BSE gestorben, in Deutschland 406 Rinder positiv auf BSE getestet worden. Dieser Erfolg ist eine Bestätigung für die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen.

Zu den humanmedizinischen Fragen verweise ich auf meine erste Antwort. Wie Sie meinem Text und der zitierten Literatur entnehmen können, ist nicht der OP-Bereich das Problem sondern die Tatsache, dass es bisher nicht gelungen ist, einen Test zu entwickeln, mit dem vCJK in Blutproben nachgewiesen werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Christel Happach-Kasan

(1) www.happach-kasan.de
(2) www.fli.bund.de

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